Das war heute ein kleines Wunder bzw. viele kleine Wunder, die dem Weg eine gute Wende geben. Kurz hinter Saint Jean stehe ich ratlos vor einer Landkartentafel, die die beiden Möglichkeiten nach Roncesvalles zu kommen aufzeigt: die Route Napoleon vorbei an der Rolandsquelle über einen 1400 plus x Meter hohen Pass oder, und das riet ja Pilgerherbergsmutter Marie-Annette (aka Marlene), entlang der Landstraße. Dort sei der Pass nur 1100 Meter hoch und es läge kein Schnee. Ich beschließe, die Landstraße zu nehmen und liebäugele, an diesem ersten Tag nur 10 km zu laufen bis ins nächste Dorf.
Handschriftliche Notiz vom 19. November, 6 Uhr. Herberge Saint Jean (nicht live veröffentlicht)
Hum. Wassen Tag. Die Ereignisse seit Bayonne überschlagen sich. Ich habe die Sache völlig falsch eingeschätzt. Am Bahnhof Saint Jean plötzlich wundersame Koreaner-Vermehrung. Wie aus dem Nichts taucht ein gewisser Töng mit seinem schweren Rucksack auf. 19:49, schon dunkel. Die drei Höhlen-Freaks steigen auch aus und sollen sich später als Slovenen entpuppen, einer wird geradewegs auf mich zu kommen und mir die Hand geben und sich als Jan vorstellen.
Im Diesel getriebenen Einwagenbähnchen verlassen wir Bayonne. Ja, ich bin nicht mehr alleine. Schon im TGV kam mir der Typ mit der Brille verdächtig vor, bestand sein Gepäck doch aus einem ähnlich fetten Rucksack wie meiner, und er hatte Wanderstöcke daran festgeschnallt. In Bayonne beäugte er die Zuganzeigetafel irritiert.
Zum ersten Mal seit Tagen sehe ich wieder einen Streifen Sonne. Wie gut es tut, der novembertristen Saarpfalz den Rücken zu kehren.
Was ist der Mensch in Bewegung so zerrissen zwischen den Welten. Ewig kahle Getreide-Champagne. Braune Felder, keimende Wintergerste, die Anzeige im Abteil zeigt 317 km pro Stunde. Der IC rast nonstop von der Grenze bei Forbach bis Paris. Weniger als zwei Stunden Fahrzeit. Ich habe ein bisschen geschlafen, soweit das möglich ist in den Zugsitzen und tippe nun diese Zeilen. 20 Minuten bis Paris. Dort treffe ich meinen alten Freund und Künstlerkollegen Steph. Gut zu wissen, er wird mich durch die Großstadt führen.
Meine Eltern haben es sich nicht nehmen lassen, mich um Pervers-Uhr-früh zum Homburger Hauptbahnhof zu bringen. So sitze ich in dem weniger vollen Zug nach Saarbrücken und starre hinüber zum anderen Gleis, wo der mehr volle Zug, in dem die Morgenmenschen sogar stehen müssen, sich gerade in Bewegung setzt. „Der ist schneller, weil er nicht an jedem Bahnhof hält“, erklärt mir der Typ gegenüber in meinem Abteil. Fünf Minuten später fahren auch wir.