Ein wütendes letztes Geschirrspülen

„Ein wütendes letztes Geschirrspülen“, damit sollte man mal einen Roman beginnen. Ich habe mich zurückgezogen in die eiskalte Küche der Künstlerbude, einen düstren Raum, in dem es keinen Ofen gibt, und in dem sich das Geschirr der letzten Tage fast bis zur Decke stapelt – ich übertreibe theatralisch – dennoch, es stapelt sich und nur dank geschickter Einweichmethoden habe ich verhindert, dass die Essensreste in den Töpfen und Tellern eintrocknen. Eine Arbeit von vielleicht zehn, zwanzig Minuten mit per Wasserkocher erhitztem Spülwasser. Nebenan im Wohnzimmer auf dem Sofa liegt alles, was ich für die Fahrradreise nach Gibraltar zusammengetragen habe, Kleider, Schlafsack, technisches Zeug, Zahnbürste, Seife und so weiter. Ich muss es nur noch in die Packtaschen stopfen und dann kann ich los. Am PC sind auch alle wichtigen Dinge erledigt, letzte Mails geschrieben, letzte Webseitenupdates gemacht, sogar noch eine Webvisitenkarte für einen Freund habe ich heute erstellt. Und nun der finale Cleansweep. So betrachte ich mich im Spiegel über der Spüle, wie ich nach und nach Teller, Tassen, Töpfe und Besteck in die Spülschüssel voll heißen Wassers tue. Ein dreitagebärtiger Typ starrt mich an, rasieren wäre auch eine Idee. So kurz vor dem Abflug alles resetten, was nur geht. Es ist elend kalt draußen. Die Sterne blitzen. Vielleicht wird das wieder eine Frostnacht. Auf jeden Fall sollte ich das Wasser, das durch eine überirdisch an der Decke der Scheune verlegte Kupferleitung bis in die Künstlerbude fließt, nachher abstellen.

Ab Morgen werde ich wieder auf dem Radel sitzen und mich aus den beiden Plastikflaschen versorgen, die ich gerade gefüllt habe. Kühles, klares Wasser aus heimischem Boden. Wie lange reichen die zwei Liter? Einen Tag?
Es hat endlich begonnen. Starten wollte ich die Reise ja schon am zweiten Februar, an Lichtmess. Das war so eine fixe Idee. Das Wort Lichtmess gibt mir von anhin ein Gefühl für ‚wieder aufwärts‘, für ‚ich habe den Winter übererlebt‘. Deshalb hatte ich den Tourstart auf Lichtmess gelegt.

Doch dann lag mein geliebter Onkel im Sterben und starb am achten Februar. Als wir ihn am neunzehnten beisetzten, erlebte ich den Tiefpunkt dieses Jahres, da bin ich mir fast sicher.
Menschen, die auf Löcher im Boden starren. Vielleicht dreißig vierzig Zentimeter durchmessende Etwasse, in denen eine Urne liegt. Die Asche, das einzige, was übrig blieb. Gut hundert Trauernde waren auf dem Friedhof. Mein Vater, sein Bruder, einer der ersten am Grab, legte eine gelbe Rose nieder und ich folgte, zusammen mit Frau SoSo, die mir Kraft gab und wir legten unsere Rosen auf die andere Seite des Lochs. Dicht nebeneinander. Es war schlimm.
Ich sollte nicht so viel persönliches Zeug erzählen in diesem Buch, und dennoch, vielleicht ist es genau jetzt an der Zeit, mit persönlichem Dingen zu beginnen? Ich weiß es nicht.
Was ich weiß ist, dass ich mit meinem Livereiseprojekt, das 2010 begonnen hat, und das man in dem alten Blog www.irgendlink.de nachlesen kann, nun weitermachen werde, dass ich weiterhin versuchen werde, einen Weg zu finden, unterwegs und direkt Literatur zu schaffen – so eine Art Versuch, das Kerouacsche ‚On The Road‘ am offenen Herzen zu operieren.

Es hat begonnen. Hier daheim an der unschönen Spüle. Ein bärtiger Kerl im Schummerlicht der sechzig Watt Deckenlampe.

22 Gedanken zu „Ein wütendes letztes Geschirrspülen“

  1. Wo die Linie ist für persönlich und weniger das frage ich mich in den letzten Tagen auch immer mal wieder. Ich eiere noch herum.

    Nu aber gute Fahrt, Glück und Segen auf deinen Wegen, ich freue mich schon auf die Post ;o)

  2. Hallo Juergen,
    zunaechst mein herzliches Beileid zum Tode Deines Onkels.
    Aber dann: ich wuensche Dir fuer Deine Radreise alles erdenklich Gute. Hab‘ Freude dran und komm‘ heil und gesund zurueck.
    Safe bicycling,
    Pit

  3. Ich mag es persönlich … es ist dein Blog, schreib, was gut tut.

    „Gute Reise“ meint ja immer das Innen und Außen. Alles, was du bist.

    „Omni mecum porto“ …

    Gute Reise!

  4. Kerouac mit offenem Herzen: Gute Reise, mein lieber Jürgen. Liebgrüß mir die Affen auf den Felsen, denn stets kommt nach dem Tod das Leben.

  5. Hallo, Ihr Zwei,
    dass euer Onkel verstorben ist, tut mir sehr Leid. Mein herzliches Beileid. Aber schön, dass ihr noch zusammen Abschied von ihm nehmen konntet. Wer weiß, wofür es letztlich gut war, dass deine Reise dadurch erst heute beginnt und nicht vor drei Wochen.
    Vielen herzlichen Dank für die Sabbär-Karte, die heute ganz unverhofft hier eintrudelte. Da waren wir mächtig überrascht und haben uns sehr gefreut. 🙂
    Ich muss gestehen, dass ich deine neue Fahrt noch gar nicht mitbekommen hatte und ein bisschen schäme ich mich dafür. Umso schöner, dass du mich trotzdem wieder mitnimmst auf deine Reise. Wird SoSo denn auch in gewohnter Art und Weise wieder als Homebase agieren? Alles sehr aufregend und spannend! Ich freu mich total! 🙂
    Gerade wird’s dunkel. Ich wünsche dir, dass du ein schönes Zimmer mit einem kuscheligen Bett am warmen Ofen findest und heute Nacht nicht im Freien übernachten musst. Ist schon lausig kalt da draußen, selbst für abgehärtete Künstlerbudenbewohner! 😉
    Ganz liebe Grüße an euch Beide,
    Andrea

    1. Liebe Andrea, danke für Deine Zeilen. Du ahnst ja gar nicht, wie gut das tut Dich und auch all die anderen virtuellen Mitreisenden im Rücken zu wissen. Die jetzige Tour war auch noch kaum publik und du schaust quasi an Tag Eins herein.

  6. Ja, doch, wir sollten „persönliches Zeug“ erzählen. Was denn sonst. Wann denn sonst. (Was wir von gestorbenen Onkeln und – vielleicht – sterbenden Freundinnen lernen können …)
    Sei gut unterwegs. Ich freue mich, auch dieses Mal auf dem Gepäckträger mitreisen zu dürfen.

  7. Lieber Jürgen,

    es tut mir sehr leid, dass dein Onkel gehen musste. Er ist nicht mehr da und er ist doch da, denn vergessen wird er für dich niemals sein. Auch jetzt nicht auf deiner neuen Tour.
    Genieße! Lebe!
    Und Frau Rebis hat recht: ‚Persönliches‘ sollte sein. Schweigen bringt niemanden so recht weiter, die Betroffenen ebenso wenig wie die Zuhörenden und, vielleicht, teilhaben wollenden.

    Gute Fahrt heute, morgen und überhaupt
    und Liebgruß
    Ele

    1. Liebe Ele, ich danke Dir. Die Reise ist übrigens sehr heilsam, sowohl für den Körper, als auch für den Kopf.
      Die Links unter ‚heute, morgen‘ konnte ich in der App leider nicht öffnen.

  8. Der geliebte Onkel wird um Dich sein und ich weiß, dass Du es spürst!
    Sorry, hatte den Beginn Deiner neuen Reise noch nicht mitgekriegt – da schrieb mir der Axel, dass Du auf Reisen wärest.
    Jetzt weiß ich – und stelle den Antrag einer Postkarte von Unterwegs-
    Sonja

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