Jimena – Jaén – Alcaudete

Ich bin ziemlich angespannt. Noch gut eine Woche habe ich Zeit, Gibraltar per Rad zu erreichen. Nachts stecke ich auf dem GPS einen Kurs ab, der mich in vier fünf Tagen über Ronda bis zum Affenfelsen bringen könnte. Das sieht dann ungefähr so aus: auf dem winzigen Bildschirm wird mir die Open Cycle map angezeigt. Sie ist nicht sehr üppig. Ortsnamen fehlen oft oder werden nicht im jeweiligen Zoom-Modus angezeigt. Mit dem Finger tippe ich auf dem keine zehn Zentimeter breiten Bildschirm meine Punkte ein. Die Kartenapp zeigt an der jeweiligen Stelle dann einen roten Bömpel. Immer wieder zoome ich und vergrößere, um meinen Punkt genau auf die Straßenkreuzungen setzen zu können. Dann verkleinere ich die Ansicht wieder, um den Gesamtausschnitt der vielen hundert Kilometer bis Gibraltar zu sehen. Beim Abstecken meiner Route versuche ich, Berge zu vermeiden, die hier in der Gegend bald 3000 Meter hoch sind und ich versuche obendrein, ruhige Straßen zu finden.  Das ganze ist sehr unkomfortabel, aber es hilft mir, den Weg, der noch vor mir liegt, einzuschätzen. Eigentlich ist es ein bisschen wie Bildhauerei. Ich modelliere meine Reisestrecke. Wenn am Fahrrad nichts kaputtgeht, es nicht allzu viele Gebirgspässe sind und irgendwo auf meiner Strecke durch die Berge ist auch eine Bahnlinie verzeichnet. Die kann ich zur Not benutzen, um schneller zu werden. Die Busfahrt gestern war jedenfalls goldrichtig. Sie hat mir mindestens zwei Radlertage erspart und vermutlich auch viel Hauptstraßenstress.

Das Zelt steht auf brauner Erde in einer Olivenplantage. Am Abend habe ich lange nach diesem Lagerplatz gesucht. Weder gab es einen Campingplatz hier in der Nähe, noch eine Pension. Eigentlich ist die große Olivenwüste rings um Ubeda unzeltbar, wenn man nicht auf Privatgrund eindringen möchte, oder direkt an der Landtstraße zelten will. Nach einigen Kilometern Suche entschied ich mich für den Flecken, der an einem totgelegten Stück alte Landstraße liegt – die neue, begradigte Strecke führt hinter dem Grundstück vorbei. Ich bin früh auf den Beinen, da ich es nicht riskieren möchte, vom Besitzer des Olivenhains geweckt zu werden. In Mancha Real gibt es erst einmal Frühstück. Ich kenne leider nur das Wort Desayuno, weshalb meine Bestellungen der Willkür der Restaurantbesitzer unterliegen, wenn ich sage Desayuno por favor und sie mich fragend anschauen, ja, was denn für ein Frühstück, und auf mein Achselzucken hin beginnen, Vorschläge machen, Tostados? Si Senor, so sitze ich mit einem Milchkaffee vor zwei frisch getoasteten Baguettehälften ohne alles, nur eine Flasche Olivenöl und ein Salzstreuer gehören zu dem Drei Euro-Frühstück (inkl. Kaffee). Dann Jaen. Studentenstadt. An der Uni sind alle Parkplätze belegt. Über den Einfahrten zu den beiden Parkplatzgeländen leuchtet Rot eine Schrift Completo und vor den Schranken haben sich Schlangen gebildet und offenbar wartet man, bis jemand vom Parkgelände fährt, um eingelassen zu werden. Über der Stadt steht das alte Kastell, ein nationales Wahrzeichen. Vorbei an der Bahnstation schufte ich mich bergauf bis zum Beginn der Via Verde. Spanische Städte sind fast immer hügelig, liegen fast immer am oder auf dem Berg, so dass es nie leicht ist, mit dem Fahrrad bis ins Zentrum zu gelangen.

Dann ist sie plötzlich da, die Via Verde del Aceite, die Ölroute, die in meinem Reiseplan eigentlich gar nicht vorgesehen war und die ich nur deshalb erreiche, weil ich aus Angst vor Hauptstraßen die Route ins Landesinnere verlegt habe. Und was für eine Radelstrecke. Hundert Kilometer weit führt sie Richtung Südwesten, das sagt mir ein Mountainbiker, dem ich am Beginn der Strecke am Brunnen begegne. Ein verrückter Kerl in Regenklamotten mit Rucksack läuft vorbei und faselt seltsames Zeug, läuft im Kreis, beschimpft uns, verschwindet wieder, kehrt zurück, völlig orientierungslos und Hundegassigänger und Jogger und eine Gruppe Radler. Die Via Verde ist rau geteert mit Ausbesserungen aus Split und einigen Schäden, aber dennoch sehr gut fahrbar. Unschlagbar ist das Geländeprofil, das ehemaliger Bahnstrecke sei Dank nur wenig Steigung aufweist. Es gibt einige Tunnels. Die Piste kreuzt mehrfach Autobahn und Nationalstraße, die man mittels eigens gebauter Radlerbrücken überquert. Jenseits von Martos sind auch die alten Viadukte noch erhalten, eiserne Fachwerkbrücken, deren Belag aus ehemaligen Bahnschwellen besteht. Das ist sehr holprig, eigentlich mit Gepäck kaum fahrbar. Manchmal ist am Rand neben den Schwellen ein schmaler, betonierter Streifen. Noch immer herrscht Olivengegend, aber sie wirkt hier milder. Zwischen den Bäumen wächst oft noch Gras, was nahe Ubeda durch intensives Fräsen oder mit Gift ausgemerzt wurde.

Dunkle Wolken hängen ja schon lange in den Bergen. Nun beginnt es zu regnen. Zeit, die Regenjacke anzuziehen. Aber denkste. Die ist gar nicht mehr da. In einem Tunnel durchsuche ich alle Packtaschen. Die gelbe Jacke, die mich seit dem Jakobsweg 2010 vor Wind und Wetter schützte ist verschwunden. Fast könnte ich heulen, kauere unter einem Olivenbaum. Mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand liegt vermutlich oben an dem 1428 Meter hohen Pass. Ich erinnere mich, dass in den Serpentinen einmal der Packsack heruntergefallen war, ich ihn schnell wieder auflud, mich freuend, dass ich es bemerkt hatte. Wahrscheinlich ist zuerst die Jacke runtergerutscht. Regenjacken fallen lautlos.

Als der Regen kurz einmal nachlässt radele ich die zwei Kilometer bis Torre del Campo, überlege, wie es nun weitergeht. Ohne Regenjacke komme ich heute nicht mehr weit. 16 Uhr. Ich irre durch die Stadt, stelle mich unter Vordächern unter. Soll ich in die Kneipe, erst mal einen Kaffee? Mir ist nicht nach Leuten. Da drin dudelt bestimmt die ewige Glotze, die in spanischen Restaurants allgegenwärtig irgendwo an der Wand hängt und Nachrichten oder Sport zeigt. Leute, Lärm, Fragen. Die Jacke war so etwas wie mein Schutzmantel. Ich erinnere mich, dass ich beim Flug von den Shetlandinseln nach Bergen auf der Radrunde um die Nordsee naiv gedacht habe, wenn nun der Flieger notwassern müsste und ich raus muss ins Meer, dann packe ich alles Wichtige in die beiden absolut wasserdichten Brusttaschen, also vor allem das Smartphone mit all meinen wichtigen Künstlerdaten und dann kann ja nix passieren und zudem so gelb, entdeckt man dich ja auch viel besser, in der eiskalten Nordsee, wo du bei acht Grad bestimmt lange überlebst, haha …

Lebensrettung beginnt ja im Kopf, Unglücke und schlimme Zustände auch. Torredelcampo ist ein schlimmer Zustand. Die Formel lautet: es wird tagelang regnen, du wirst nie wieder so eine gute Jacke kriegen, ewige Nässe, Unkomfort, so stehe ich vorm Schaufenster eines Kleidergeschäfts, in dem man sich offensichtlich auf Schlafanzüge spezialisiert hat. Soll ich warten bis 17 Uhr, bis die Mittagspause vorbei ist und schauen, ob zwischen all den Schlafanzügen auch eine Regenjacke hängt, ein Poncho, irgendwas für Radler?

Ich erinnere mich, dass ich einmal von Biel nach Brugg einen ganzen Tag lang im Regen geradelt bin, einzig mit den Radlerkleidern am Leib, die ich gerade trage, also Junge, reiß dich zusammen, was solls, das könnte doch auch klappen. Nassradeln. Nicht angenehm.

So probiere ich es aus, der Regen schwankt ohnehin. Mal nieselt es, mal drückt der Wind ein paar größere Tropfen heran, schon bin ich wieder auf dem Radweg, durchradele einen Tunnel und stelle mir vor, es ist wie in den Alpen, bei Regen rein und raus in die Sonne, aber am anderen Ende erwarten mich doch nur die ewigen Oliven. Martos ist die nächste Stadt. Vielleicht ein Zimmer nehmen, ausruhen, hoffen, dass das Wetter sich am nächsten Tag bessert? Verflixt, die Wolkendecke reißt auf. Ich kann wieder weit sehen und was ich sehe ist gut. Mindestens eine Stunde kein Regen.

Gleichzeitig verdaue ich auch den Schmerz des Verlusts. Ich staune doch sehr, dass das so schnell geht, dass ich mit der Wetterbesserung sogleich auch eine Stimmungsbesserung auftut. Was ist das bloß, was mir diese gefühlsmäßigen Kehrtwenden immer so leicht macht, frage ich mich, vor allem auch, stets in die richtige Richtung, diese Kehrtwenden. Eine Art natürliches Antidepressivum, fest verankert in meinem Innern?

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