Tag #3 – Homebasegeplauder

Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Irgendlink, so stelle ich es mir vor, gemütlich an einem Küchentisch. Die SMS verraten, dass seine Gastgeber, ein älteren Paar in Chamagne, ihn zu sich eingeladen haben. Er konnte duschen und bei ihnen übernachten. Alles weitere werden wir später irgendwann erfahren.

Ich bin gespannt.

Irgendlink hat einen weiteren Track laufen lassen. Ihr könnt hier ⇒ klicken zum Gucken.

Ebefalls sehen könnt ihr die heutige Etappe hier ⇒ klicken.

Hier möchte man mal Häuschen spielen #Gibrantiago

Die Éclaire-Weihe gebe ich mir in Lemberg in einer Bäckerei. Das erste Éclaire im fremden Frankreich ist immer das Beste. Die pappigsüßen Dinger sehen aus wie eine Wurst im Blätterteigmantel, aber es sind mit Schoko- oder Vanillecreme gefüllte Etwasse mit einem harten Überzug aus Schokolade oder Vanille.Verschmierten Mundes stehe ich vor der Bäckerei. Sonne wärmt. Da spricht mich ein anderer Radler an, ob der Rahmen meines Radels aus Titan sei und streichelt über das Rohr und zeigt mit dem Kinn hinüber zu seinem Rennrad, das ganz genau die selbe Anthrazitfarbe hat. Alu sage ich, obschon ich mir dessen nicht so sicher bin. An seinem Helm klebt ein winziger Rückspiegel. Wir schwatzen ein bisschen, wie alt, woher, wohin, dass er zehntausend Kilometer pro Jahr radelt und über seine Radlerkollegen, der eine zum Beispiel, ein hagerer Kern, den man als KZ-Model casten könnte (hierbei zieht er die Backen zum Hungergesicht ein und lacht entschuldigend für den politisch unkorrekten Vergleich), dieser Kumpel war neulich beim Arzt wegen einer Herzgeschichte und die Diagnose lautete, Arterie zu vierzig Prozent verstopft, zu vierzig Prozent, wiederholt er und erst ab sechzig gibt’s ’nen Stent und der Arzt habe diesem Kumpel, ich stelle ihn mir mittlerweile als einen durchtrainierten Triathleten vor, emfohlen, er solle doch mehr Sport treiben. Haha.

Von Lebmberg radele ich über mehrere Aufs und Abs durch Goetzenbruck und einem Weiler mit dem klangvollen Namen Huhnerscherr nach Wingen an der Moder, stets auf meiner alten Strecke Zweibrcken-Andorra (die Karte könnt ihr hier sehen ⇒ https://www.google.com/maps/ ) sozusagen durch mein 1500 Kilometer langes Wohnzimmer. Wunderschöne, kaum befahrene französische Sträßchen hinauf nach Phalsbourg, einer alten Vauban-Festung und hinab zum Rhein-Marne-Kanal bei Lutzelbourg. Dort folge ich dem Kanalradweg westlich. Ein Radlerisches Zuckerstückchen ist sicher die kurze Passage hinauf nach Arzviller, die über 13 Schleusen (oder mehr) in kurzer Folge durch ein felsiges Tal hinaufführt, stets direkt neben dem Kanal. Zwei Kanalhafen sind in der stillgelegten Passage. Teilweise verläuft der Radweg auf einem Steg, der auf Stahlpfosten mitten im trockengelegten Kanal gebaut wurde. Die alten Schleusenhäuschen sind meist renoviert und bewohnt. Nummer 12 und 13 wären noch frei. Ruinen ohne Dach. Hier ein Radlertreff aufbauen, das wärs, oder ein Klettertreff, denn direkt dahinter erhebt sich roter Fels. Hier möchte man mal Häuschen spielen, murmele ich. Mantrisch kurbelnd.

Es ist den ganzen Tag über ziemlich kalt. Windig. Ich glaube, den höchsten Punkt hatte ich in La Petite Pierre erreicht, wo ich bei einem Käsehändler vor dem Château ein Stück sündhaft teuren Käses aus einer Molkerei in Riquewihr (nahe Colmar) kaufe. Er selbst wohne in Straßburg und sei sozusagen fliegender Käsehändler (macht lenkende Handbewegung). Der Junge friert, trotz seines dicken Anoraks. Wie hoch ist La Petite Pierre? Fünfhundert Meter?

Ich frage mich auch, wie die vielen Motorradfahrer, die mir begegnen (tolle kurvenreiche Strecke), diese Kälte verkraften. Ich als Radler habe immerhin die Eigenwärme, die ich beim Berghochradeln produziere (beim Abwärtsrollen, friere ich mich fast kaputt, rolle langsam, bremse mich voran).

Hinter Arzviller folgt eine Art Ebene durch weites Weideland. In Guntzviller bin ich fast versucht, in einer Auberge abzusteigen, so kalt, so trist, doch dann erbitte ich Wasser bei einem wortkargen Kerl, der gerade seine Einkäufe aus dem Auto lädt und bereite mich auf die Zeltplatzsuche vor. Am Kanalradweg Richtung Sarrebourg wird sich doch wohl ein Plätzchen finden.

Es gibt einen Zweitäler-Radweg, der ungefähr meiner alten Strecke folgt, die ich 2000 und 2010 nach Andorra geradelt bin.

Nun sitze ich hier im Zelt nahe Lorquin auf einer rauhbereiften Wiese am Zweitälerradweg. Ziemlich trüb heute. Ab elf soll es regnen, sagt die Wetterapp. Auf der Tastatur sind die Umlaute ausgefallen und das P und das Fragezeichen. Es knnte ein komischer Text werden.

Tag #2 – aus der Homebase geplaudert

Während ich gemütlich an meinem Schreibtisch sitzend die Strecke anschaue und die Link für euch verpacke, stellt Irgendlink gerade sein Zelt auf. Genau jetzt. Schon fast ist es dunkel. Aber an einem solch sonnigen Tag, macht eben das Reiseradelkunsten Laune. Ich bin gespannt, was er nachher am Telefon erzählen und im Blog berichten wird.

Freut euch, Irgendlink hat heute wieder einen Track für euch gedingst. Ihr könnt hier ⇒ klicken zum Gucken.

Ebefalls gucken könnt ihr hier ⇒ klicken.

Habt ihr euch übrigens schon auf der europenner-Seite umgeguckt?
Unter „Über“ findet ihr viele spannende Informationen. Unter anderem erfahrt ihr dort, dass ihr wieder – wie schon bei der Tour #AnsKap – iDogma-Kunstkarten bestellen könnt. Damit unterstützt ihr nicht nur die Reise an sich, sondern sichert euch kleine feine Kunstwerke. Die genauen Details zu Kartenserien und Jokerkarten erfahrt ihr genau hier ⇒ klicken.

Viel Spaß beim Mitreisen!

Tag #1 im Rückblick … und die Homebase ist auch wieder da

Sehr verehrtes Publikum … *hüstelndvorzulesen* … ich heiße Sie herzlich willkommen zum …

Nö, so kann ich nicht. Und ich sage auch nicht ‚Sie‘ zu euch. Ich sage euch und ich sage du. Auch wenn ich euch im Echtleben siezen würde. Aber hier, im Blog, im Dreck und im Blut dieser Operation am offenen Herzen der Reiseliteratur on Motion geht ‚Sie‘ bei mir nicht. Sorry. Ist aber nicht respektlos gemeint. Eher so: Wir sind alle hier zusammengerückt, um Irgendlink aka Jürgen Rinck auf seiner Reise zu begleiten.

Wie auch schon auf anderen Reisen werde ich − Frau SoSo wie mich Irgendlink im Blog nennt − euch hier, als Homebase, die eine oder andere Hintergrundinformation zur Reise nach Gibraltar liefern. Meistens auch einen täglichen Streckenbericht, einen Link oder so.

Den Streckenlink muss ich diesmal für gestern nicht rekonstruieren, denn Irgendlink hat ihn vom Handy aus bereits für uns geschaffen, einem roten Faden gleich. Da die Aufzeichnung eines solchen Tracks allerdings viel Akku frisst, wird das eher die Ausnahme bleiben.

Hier ⇒ draufklicken zum gestrigen Streckenlink.

Irgendlinks Reiseeindrücke und -bilder könnt ihr auch live auf Twitter mitverfolgen.

PS: Heute früh, am Telefon, klang unser aller Artist in Motion sehr froh. Trotz der Kälte hat er wunderbar geschlafen.

Eine Sinfonie freitagabendlicher Fußballlokalmatadore #Gibrantiago

„Was ist das für ein kleine Licht in die Wald“, übersetzt der Mann, nachdem ich ihm schulterzuckend sage, dass ich nicht so gut französisch spreche (und gedanklich hinzufüge, nicht gleich am ersten Tag, ich bin ein bisschen raus aus der Sprache). Gerade eben habe ich das schwer bepackte Europennerrad einen Waldweg hinaufgeschoben, der vom schön geteerten Radweg auf dem Plateau Grünholz abzweigte. In Richtung Flutlicht. Und nun stehe ich hier neben dem Sportplatz von Lemberg, einer kleinen Stadt in Lothringen. Das Freitagabendstraining ist im vollen Gange. Ob er eine gute Zeltplatzmöglichkeit wisse, frage ich den Mann. Wie es wohl da hinter dem Sportplatz aussieht, ob man da zelten könne. Das sei ein schöner Platz, sagt er. Keine Anstalten, zu fragen, was, bei der Kälte willst du zelten? Er nimmt es einfach so hin, dass da „eine petite Lumière aus la foret“ kommt und nach einer Zeltplatzmöglichkeit fragt. Sicher hätte ich in Lemberg auch ein Zimmerchen auftreiben können. Ich hätte nur in die Bar im Zentrum gehen müssen und mich dort durchfragen. Das hatte ein Junge empfohlen, den ich vorhin nach Zeltmöglichkeiten und Chambres d’hôtes, Gästeszimmern, gefragt hatte. Aber da hatte ich wohl insgeheim schon beschlossen, dass ich mir den Sportplatz einmal näher anschaue. Sportplätze sind immer gute Wildzeltkandidaten. Es mag gegen zwanzig Uhr gehen. Das Training ist in vollem Gange. Dank des Flutlichts, das gespenstisch den Wald erhellt, finde ich einen guten Platz, weich belaubt, scharre die Äste weg, stelle das Zelt auf. Derweil böllern die Bälle, gleich mehrere, und der Trainer lässt seine Trillerpfeife jaulen. Was für ein Konzert. Eine Sinfonie freitagabendlicher Fußballlokalmatadore. Die Bälle scheppern an den Zaun, man hört die Jungs, wie sie sich gegenseitig etwas zurufen und zuguterletzt gibt es ein stakkatoähnliches Stop and Go-Training – ich weiß nicht, wie man das nennt – der Trainer ruft in kurzen Abständen immer wieder Stop und zwischendurch hört man das Scharren bestollter Schuhe auf dem Ascheplatz.

Um halb neun geht dann das Licht aus. Stockdunkel plötzlich im Zelt. Ich koche Nudeln und eine Gemüsesoße auf dem Trangia. Der erste Tourtag hätte wohl besser kaum laufen können. Sogar bei der Abreise, beim Abschied von meinen Eltern und all den anderen Hofbewohnern, hatte ich ein glückliches So-ist-es-gut-Gefühl, das ich beim Start ans Nordkap im letzten Sommer nicht hatte. Ich durchquere Zweibrücken wahrhaft gordonknotesk, da sich der Radweg wie ein Verkehrsweg gewordener Gordischer Knoten unter zahlreichen Brücken hindurchwindet und Schlaufen einlegt, die sich nie und nimmer ein normaler Verkehrsplaner ausgedacht haben kann. Aber dann, jenseits der Stadt geht es den Bächen folgend hinüber nach Frankreich und ich lande schließlich auf dem neuen Radweg Pirmasens-Bitche. Nachdem ich kürzlich schon einen Teil in Richtung Pirmasens erkundet hatte, ist nun das Reststück ins lothringische Kleinstädtchen Bitche dran. Ein Sahnestückchen, das sich an idyllischem Bach vorbei an Mühlen ins Festungsstädtchen schlängelt. Kein einziges Mal muss man auf der Straße radeln und der Anblick der wuchtigen Festung, die bestimmt fünfhundert Meter lang ist oder gar einen Kilometer, hoch über den Häusern und ganz oben auf dem Steinklotz throhnt eine Kapelle, dieser Anblick ist ebenso erschreckend wie faszinierend. Sicher kann man die Festung auf Google Earth erkunden.

Viertel vor sechs ackere ich ein kleines Sträßchen hinaus Richtung Lemberg, wo ich, das war da noch der Plan, mir ein Zimmer nehmen werde. Das Sträßchen folgt einer stillgelegten Bahnlinie, überquert sie mehrfach, plötzlich wird es still. Kein Verkehrslärm mehr und nach fünfzig Kilometern auf dem Sattel dunkelt es. Ein eigenartiges Bild habe ich plötzlich im Gepäck, das ich vor eben noch drei vier Stunden in Zweibrücken sah: tausende Herzchen, kuhaugengroße Papierschnipsel auf dem Zweibrücker Herzogplatz, barocke Rathauskulisse, Standesamt, jemand hat geheiratet, ein bärtiger Typ im Gothic-Mantel überquert den Platz, an einer Ecke wird gebaut, die Szene vermittelt ein trügerisches Alles-ist-in-Ordnung-Gefühl. Streiche trügerisch. Alles ist in Ordnung an diesem ersten Reisetag.

Ein wütendes letztes Geschirrspülen

„Ein wütendes letztes Geschirrspülen“, damit sollte man mal einen Roman beginnen. Ich habe mich zurückgezogen in die eiskalte Küche der Künstlerbude, einen düstren Raum, in dem es keinen Ofen gibt, und in dem sich das Geschirr der letzten Tage fast bis zur Decke stapelt – ich übertreibe theatralisch – dennoch, es stapelt sich und nur dank geschickter Einweichmethoden habe ich verhindert, dass die Essensreste in den Töpfen und Tellern eintrocknen. Eine Arbeit von vielleicht zehn, zwanzig Minuten mit per Wasserkocher erhitztem Spülwasser. Nebenan im Wohnzimmer auf dem Sofa liegt alles, was ich für die Fahrradreise nach Gibraltar zusammengetragen habe, Kleider, Schlafsack, technisches Zeug, Zahnbürste, Seife und so weiter. Ich muss es nur noch in die Packtaschen stopfen und dann kann ich los. Am PC sind auch alle wichtigen Dinge erledigt, letzte Mails geschrieben, letzte Webseitenupdates gemacht, sogar noch eine Webvisitenkarte für einen Freund habe ich heute erstellt. Und nun der finale Cleansweep. So betrachte ich mich im Spiegel über der Spüle, wie ich nach und nach Teller, Tassen, Töpfe und Besteck in die Spülschüssel voll heißen Wassers tue. Ein dreitagebärtiger Typ starrt mich an, rasieren wäre auch eine Idee. So kurz vor dem Abflug alles resetten, was nur geht. Es ist elend kalt draußen. Die Sterne blitzen. Vielleicht wird das wieder eine Frostnacht. Auf jeden Fall sollte ich das Wasser, das durch eine überirdisch an der Decke der Scheune verlegte Kupferleitung bis in die Künstlerbude fließt, nachher abstellen.

Ab Morgen werde ich wieder auf dem Radel sitzen und mich aus den beiden Plastikflaschen versorgen, die ich gerade gefüllt habe. Kühles, klares Wasser aus heimischem Boden. Wie lange reichen die zwei Liter? Einen Tag?
Es hat endlich begonnen. Starten wollte ich die Reise ja schon am zweiten Februar, an Lichtmess. Das war so eine fixe Idee. Das Wort Lichtmess gibt mir von anhin ein Gefühl für ‚wieder aufwärts‘, für ‚ich habe den Winter übererlebt‘. Deshalb hatte ich den Tourstart auf Lichtmess gelegt.

Doch dann lag mein geliebter Onkel im Sterben und starb am achten Februar. Als wir ihn am neunzehnten beisetzten, erlebte ich den Tiefpunkt dieses Jahres, da bin ich mir fast sicher.
Menschen, die auf Löcher im Boden starren. Vielleicht dreißig vierzig Zentimeter durchmessende Etwasse, in denen eine Urne liegt. Die Asche, das einzige, was übrig blieb. Gut hundert Trauernde waren auf dem Friedhof. Mein Vater, sein Bruder, einer der ersten am Grab, legte eine gelbe Rose nieder und ich folgte, zusammen mit Frau SoSo, die mir Kraft gab und wir legten unsere Rosen auf die andere Seite des Lochs. Dicht nebeneinander. Es war schlimm.
Ich sollte nicht so viel persönliches Zeug erzählen in diesem Buch, und dennoch, vielleicht ist es genau jetzt an der Zeit, mit persönlichem Dingen zu beginnen? Ich weiß es nicht.
Was ich weiß ist, dass ich mit meinem Livereiseprojekt, das 2010 begonnen hat, und das man in dem alten Blog www.irgendlink.de nachlesen kann, nun weitermachen werde, dass ich weiterhin versuchen werde, einen Weg zu finden, unterwegs und direkt Literatur zu schaffen – so eine Art Versuch, das Kerouacsche ‚On The Road‘ am offenen Herzen zu operieren.

Es hat begonnen. Hier daheim an der unschönen Spüle. Ein bärtiger Kerl im Schummerlicht der sechzig Watt Deckenlampe.

Vier

Ja, ein live geschriebenes Buch fordert.

Es erzeugt Kapitel wie diese. Situationesque Etwasse. Aus dem Stand herause, scheinbare Nichtswürdigkeiten. Sterne betrachtend, die frische Nachtluft genießend.

Siehst Du das Licht zwischen den Wolkenfetzen. Sind das Wolkenfetzen? Ist das Licht? Oder sind das nur Schleier, die sich vor die Linse schieben, und dahinter etwas Helles aus dem All, dessen Name nicht genannt werden kann?

Jenseits schimmert die Stadt. Man hat 24 neue Laternen aufgestellt, steht in der Zeitung, und eine neue Brücke über den heimischen Bach habe sieben Millionen gekostet. Aufdringlich tropft Wasser aus der Regenrinne im stählernen Wasserfass vor der heimischen Kulisse.

Du wirst ihr den Rücken kehren, bald.

Drei

Die Nacht ist klar. Ich sehe einen Stern zwischen den kahlen Zweigen des Nussbaums vor meinem Atelier. Zum Rauchen gehe ich nach draußen. Und um die Katze zu füttern. Und um ein Bier aus dem Kasten zu holen, den ich gestern gekauft habe. Ich schaue in den Himmel und überlege mir, wie schon so oft, dass hier bei mir unten ist und dort, bei dem Stern oben. Warum ist das so, frage ich mich. Warum denke ich so? Warum kann ich nicht einfach positionslos sein in all dem Großen. Ein Punkt in der Unendlichkeit beobachtet ebendiese Unendlichkeit und wundert sich über die Unendlichkeit der Unendlichkeit, ohne wirklich zu ahnen, ob die Unendlichkeit unendlich ist, oder nur unendlich erscheint, weil dem Punkt, mir, nicht alle Kenntnisse vorliegen.

Liegen nicht seit unendlichen Zeiten denjenigen, die über Unendlichkeit sinnieren nicht alle Fakten vor, die sie benötigen würden, um zu verstehen. Was zu verstehen? Alles. Was zu wissen? Nichts.

Zwei

Ich sollte vorgestern gestartet sein. Den zweiten Februar hatte ich als Wunschtermin für die Fahrradreise nach Gibraltar auserkoren. An Lichtmess. Ich mag das Wort Lichtmess. Lichtmess fühlt sich nach Hoffnung an. Nach wieder aufwärts. Nach ich habe den langen, garstigen Winter überlebt und nun beobachte ich sture Krokusse, wie sie die Erde durchbohren, wie sie zurückkehren, wie wieder Leben in die Bude kommt, wie wieder Regung in diesen Planeten kommt, wie alles, was überlebt hat sich nach und nach aus dem Winterschlaf erhebt, den Raureif abschüttelt, in die Sonne blinzelt. Die religiöse Bedeutung von Lichtmess? Ich kenne sie nicht. In Religionen bin ich nie festgewachsen.

Kraft kehrt zurück. War vielleicht nie weg. Vielleicht ist es mit der Kraft ja so, dass sie nur ab und zu mal schläft, dass sie eigentlich immer da ist, aber nicht aktiv, nicht spürbar. In den scheinbar kraftlosen Phasen, die man durchstehen muss als Mensch, ist sie stets da, aber sie ruht friedlich unter der Decke der Realität, die man sich vorstellen muss, wie ein dickes, unsichtbares Fell, das keinen Blick zulässt, auf das, was es einhüllt.

Das Projekt Gibrantiago hat für mich eine ganz persönliche Note. Vielleicht ist es der Höhepunkt meines Reisens, meines Daseins auf dieser Welt. Eine Art Finale für alle bisherigen Reisen. Immerhin versuche ich seit 1990, diese eigentlich unbedeutende Landmarke im Süden der iberischen Halbinsel, den Felsen von Gibraltar, mit dem Fahrrad zu erreichen. Und habe es bisher nicht geschafft. Dabei ist Gibraltar ja gar nicht der südlichste Punkt Europas. Also warum überhaupt sollte ich diesen Ort als Ziel wählen?

Hier kommt der Glaube ins Spiel. Die selbstgezimmerte Realität, die Vorstellung einer Fiktion … es ist völliger Humbug, auch nur irgendeine Landmarke, dieser Erde als Ziel auszuerkehren. Egal, ob man nun zum Südpol will, zum Nordpol, oder gar zum Mond, all diese Ziele sind nur von Menschen gemachte, in kollektivem Einvernehmen bestimmte Extremziele, die es im Prinzip nicht wert sind, dass man nach ihnen strebt.

Ein fernöstlicher Weiser, habe ich einmal gehört, empfiehlt in einer Anleitung für Staatsführer ohnehin, die Menschen sollen zu Hause bleiben. Sie sollen nicht weggehen. Das Erstrebenswerte im Leben sei, die innere Ruhe zu finden, und die findet man nunmal am Besten daheim in seinem richtigen Leben, dort, wo man seinen Mann steht. Ich weiß nicht, wer das gesagt hat, vermutlich war es das Tao Te Ching. Ich weiß nicht, ob es wahr ist. Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe. Ich weiß nicht, ob das einen Sinn ergibt. Ich weiß so gut wie nichts. Vielleicht ist es nur eine Vorstellung, die in mir gewachsen ist. Vielleicht sind auch Gibraltar, der Nordpol, der Mond und der Mount Everest nur eine Vorstellung. Vielleicht gibt es diese Welt außerhalb meiner Vorstellung gar nicht, oder sie ist nur eine von Milliarden Parallelwelten. Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von der Welt in sich. Und alle sind sie wahr.

Im Hier und jetzt halten mich familiäre Verpflichtungen (nein, Verpflichtung ist das falsche Wort) von der geplanten Reise ab. Ein Pachtvertrag will endlich besiegelt werden. Morgen haben wir einen Termin vereinbart. Ein Fetzen Papier, der über die langfristige Nutzung von Land entscheidet. Ich bin nicht überzeugt von Fetzen Papier. Ich bin auch nicht überzeugt vom Miteinander auf Erden und noch viel weniger vom Gegeneinander.

Meine schlimmste Qual diesertage ist der Tod. Er kommt mit großen Schritten und frisst sich durch die Familie. Die Generation meiner Eltern ist jetzt in einem Alter, in dem der Tod einfach so und plötzlich kommen kann. Man kann sagen, das ist eben so. Menschen altern. Menschen vergehen. Aber nun, da die Altvorderen in die Achtzig gehen, ist die Bedrohung unübersehbar. Fast alle aus der Generation meiner Eltern sind angezählt durch quälende Erkrankungen, komplizierte Operationen, Krankenhausaufenthalte. Den Anfang machte mein geliebter Onkel im letzten Winter. Drei Monate lang lag er zwischen Leben und Tod im Krankenhaus, ehe er, einer Patientenverfügung sei Dank, auf eigenen Willen endlich gehen durfte. Bei seiner Beerdigung im Frühling fluchte mein anderer geliebter Onkel, hoffentlich haben wir jetzt eine Weile Ruhe vor dem Tod. Noch auf dem Friedhof. Er ging am Stock, aber er strahlte energisch. Was liebte ich ihn für diesen verzweifelt wütenden Ausspruch!

Nun liegt er seit einem Monat im Krankenhaus. Und sein Leiden, angeschlossen an eine Beatmungsmaschine geht mir verdammt nah. Es verfolgt mich bis in die Träume, die diesertage so real scheinen, dass ich fast zu zweifeln beginne, was nun die echte Welt ist: die der Träume, oder diese hier (in der ich vor dem PC sitze und dies schreibe). Mal taucht er in diesen Träumen quicklebendig auf und wir scherzen miteinander, er vor mir stehend, übergroß, aber hey, da stimmt doch was nicht mit seiner Nase, das ist eine Protese. Rosa gepudert aus Plastik mit scharfen Kanten zum Gesicht. Dann merke ich, träumend, dass ich träume, will es beenden, falte die Hände, krümme mich, erinnere mich, wie ich ihn das letzte Mal gesehen habe.

Ich wollte ihn im Krankenhaus besuchen. Er sei auf dem Weg der Besserung, sagte man. Vor dem Klinikportal standen die üblichen Raucher und einer tönte groß vor seiner Familie, die ihn umringte, dass die OP am Kopf doch ein Klacks war, es gehe ihm bestens, er freue sich, dass er bald nach Hause könne. Beim Pförtner fragte ich mich zur Station durch, fand das Zimmer. Es war düster in den Fluren. Nur eine fahle Lampe leuchtete im Zimmer. Der Zimmernachbar saß da und mein Onkel schlief friedlich wie ein Embrio in seinem Krankenbett. Die Haare waren auf der Hälfte des Schädels abrasiert. Ein Pflaster auf der Stirn. Im Dämmerlicht konnte ich nicht viel erkennen. Außer Frieden. Ob ich ihn das letzte Mal lebend sehe, fragte ich mich. Wie geht es ihm, fragte ich den Zimmernachbar, der mich nur anstarrte und nicht antwortete. Die Neurochirurgie hat vielleicht die seltsamsten Patienten aller medizinischen Fachkliniken, dachte ich. Alle stehen unter Cortison oder Morphium. Alle sind betäubt, amputiert, ausgeschabt, gerettet, zusammengeflickt, jaja, manche schaffen es ja auch. Ein Buch von Murakami legte ich auf den Nachttisch. Dann ging ich.

Seither Dämmerschlaf des gelebten Lebens. Es tut mir nicht gut, dieses Sterben. Mein Vater ist angezählt, der Schwiegervater meiner Schwester auch, weitere Onkels und Tanten und wir, die Nachkommen laufen wie Lemminge, vorbestimmt von natürlichen Abläufen auf eine Klippe zu namens Zipperlein.

Torschlusspanik. Vielleicht ist es das, was mich antreibt? Ich will mein Schreibgebäude, das ich vor über zwanzig Jahren begonnen habe endlich fertigstellen. Schreiben unterwegs und über Unterwegs, das war mein Ziel, als ich meine ersten Zeilen im Februar 1990 in ein Notizbuch schrieb. Ich war ein bisschen gestrauchelt im Karriereleben, durch Zivildienst aus dem Studium gekugelt und mit seltsamen Typen zusammengeraten, die mir die Lektüre von Jack Kerouac, Nin, Miller, Celine, Hamsun, Shalev und so weiter ans Herz legten. Jack Kerouac hatte es mir besonders angetan. Weil er nur zwei Jahre nach meiner Geburt starb, phantasierte ich manchmal, dass seine Seele in diesen zwei Jahren zu mir gewandert sei. Ich weiß, das ist Quatsch. Aber ich mag den Gedanken. Und Kerouac hätte das bestimmt auch spannend gefunden. Seelenwanderung zu Lebzeiten, weiß man da schon mehr darüber?

Schreiber werden. Oder Künstler. Oder einfach nur irgendwas mit nicht dazugehören. Ich glaube, das war das Programm, dessen Befehlsschlaufen ich durchlief. Nach zwanzig Monaten Zivildienst und all den Kunst- und Schreibflausen im Kopf war jedenfalls nicht gut Anknüpfen an ein Leben als Ingenieur. Der Cremonaplan meiner Existenz geriet zu einer unzusammenhängenden, verfahrenen Skizze, die eher ein Gemälde von Miro hätte sein können, als ein konstruktives Etwas, das alle Kräfte im Spiel grafisch darstellte.

 

 

Eins

Den Januar habe ich mit Nichtstun verbracht. Ich saß vorm Holzofen in der Künstlerbude, legte die Füße hoch und starrte an die frisch gestrichene Wand. Manchmal las ich ein Buch. Oft spielte ich mit dem Smartphone, auf dem ich kommunizierte per Mail oder per Twitter. Täglich schaute ich mir das Wetter in einer App an und beobachtete die Prognosen für die kommenden Tage. Der Winter ließ auf sich warten. Im Garten knospten Bäume und Lilien reckten ihre spitzen Köpfe aus der Erde.

Mitte des Monats hatten wir dann doch noch echten Winter mit Schnee und Dauerfrost. Aber die Zeiten, dass sich die Kälte bis März hält, sind wohl vorbei. In Gedanken plante ich eine Fahrradreise nach Süden, die am 2. Februar, an Lichtmess, starten sollte. Aber nur, wenn das Wetter radeltauglich ist. Radeltauglich heißt für mich: kein Dauerfrost und nachts nicht kälter als minus drei Grad. Es sollte auch nicht regnen, so meine stille Forderung.

Wenn ich sage, ich habe den Monat mit Nichtstun verbracht, so ist das nicht ganz richtig. Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist, gar nichts zu tun. Neben einiger körperlicher Arbeiten im Atelier und im Holzschuppen und im Hühnerstall habe ich viel nachgedacht über das Leben, die derzeitige, alles andere als schöne Situation weltweit, ließ mir Nachrichten zwischen den Hirnwindungen zergehen, bekam gar ein bisschen Panik, dass rundum alles den Bach runtergeht, dass Land und Leute im kollektiven Schmutzschlachtwahn versinken, dass sich die Schlingen um unsere Hälse immer enger ziehen und erst recht die um die Herzen und dass es irgendwann vielleicht gar nicht mehr möglich sein wird, frei durch den Kontinent zu radeln, weil wieder überall Grenzen, Kontrollen und Angst herrscht. Dass man als wild zeltender „europennerischer“, freier Typ mit Fahrrad und Gepäck argwöhnisch beäugt wird und in einem unangenehmen Spießrutenlauf die Lande durchqueren muss, die man noch vor fünf, zehn, zwanzig Jahren offenen Herzens und mit einem Lächeln auf den Lippen erforschte. Kälte, die von Innen kommt.

Diese Gedanken bremsten meinen Enthusiasmus ebenso, wie sie ihn beflügelten, wobei die Beflügelung eher aus einer Art Torschlusspanik rührt: tue es jetzt, bevor alles zusammenbricht. Ich weiß, diese Gedanken sind vielleicht ziemlich klein und egoistisch, aber ich gehe jede Wette ein, dass andere Menschen auch solche Gedanken hegen.

Wenn ich in meinem Blog weiter geschrieben hätte, wären nur drei Artikel entstanden. Es gab nicht viel zu erzählen. Ich erlebte nicht viel und ich war auch nicht in der Laune, etwas mitzuteilen. Zwei der Artikel sind beim Fahrradfahren entstanden, denn natürlich wollte ich den Winter auf seine Radelbarkeit abklopfen, und so schwang ich mich bei Nebel und Schneeregen aufs Fahrrad und radelte etwa sechzig Kilometer weit hinüber nach Frankreich und wieder zurück. Mit dem Fazit: es könnte klappen, auch bei diesen Witterungsbedingungen. Frühere Touren im Winter mit Übernachtung im Zelt liefen ja auch, aber das ist lange her. Vor einigen Tagen feierte ich meinen fünfzigsten Geburtstag.

Der Winter fühlt sich vorbei an. In der Künstlerbude ist es mollig warm. Die Wasserleitung, die unisoliert dreißig Meter an der Hauswand entlang führt, ist seit ein paar Tagen wieder in Betrieb. Ich könnte im Garten auf den Frühling hin arbeiten. Aber ich habe beschlossen, mit dem Fahrrad nach Gibraltar zu radeln. Ein Vorhaben, das ich schon seit 1990 immer wieder angehe, und das mich etliche Male nach Südfrankreich und Spanien gebracht hat. Den Extrempunkt, fast im Süden der iberischen Halbinsel zu erreichen, ist mir jedoch bisher nicht gelungen. Zwei mal endete die „Expedition“ in der Gegend um Valencia, zwei mal schaffte ich es bis nach Andorra (im verlinkten Artikel wird neben den beiden Zweibrücken-Andorra-Reisen auch das Kunststraßenkonzept erläutert, an dem ich seit zwanzig Jahren arbeite). Die kürzeste Fahrradtour mit der Absicht, Gibraltar zu erreichen, endete im November 1990 schon am ersten Reisetag in Rinnthal im Pfälzer Wald. Und eines Winters, ich glaube 1995 verirrte ich mich nach Marseille, wo ich in den zerklüfteten Calanques einen Monat in einer zerfallenen Hütte am Meer lebte.