Unheimliche Gedankengebäude, die es gilt, einzureißen #Gibrantiago

Herzklopfen. Unruhe. Im Kopf rattert die Gedankenmühle, was soll ich bloß tun? Noch einen Tag hierbleiben, hoffen, dass es besser wird mit dem Wind, oder weiterradeln, vielleicht einen Bahnhof finden, einen Zug, der in Windeseile durch einen Tunnel in Spanien ist?

Die Wetter-App, auf der ich mir die Windstärken angeschaut habe, sagt für die Gegend um Perpignan sturmähnliche Bedingungen voraus, 69 km/h gar in Argelès, wo der Eurovelo 8 gen Westen abbiegt und somit ekelhaftes Seitenwindwetter herrschen würde. Böen, die einen um Meter versetzen.

Vor dem Stück Landstraße, dem ich ab Fitou bis etwa Rivesaltes folgen muss, graut mir am meisten. LKW und Autokolonnen, von denen sicher nicht jeder Fahrer im Bilde ist, wie es um Radler bei Windböen steht. Zudem man das mit dem Sicherheitsabstand auch nicht so eng sieht.

Noch sitze ich in dem schönen warmen, weichen Bett im roten Appartement von @fimidi, strahlender Sonnenschein, der selbst die abgewetzten Wanderschuhe vor der Tür schön aussehen lässt. Im Kokon. Sicher. Aber in meinem Kopf hat sich längst eine Vision für den Tag gebildet. Da drinnen im Grauen Prozessor denkt sich irgendwas die Strecke voran, Kilometer um Kilometer zunächst mit Rückenwind südöstlich auf’s Meer zu, dann auf der roten Linie, die im GPS angezeigt wird und die den Mittelmeerrradweg, den Eurovelo 8, markiert weiter, hoffentlich auf eigenen Fahrradstrecken … ach ne, das kannste hier im Süden vergessen, mischt sich eine Skeptikerstimme ein, bestenfalls Feldwege, bestenfalls leicht befahrene Landstraßen, bleib doch noch ’nen Tag, aber da mahnt schon eine andere Stimme, willste hier versauern, warten bis der nächste Regen kommt, der Tramuntana bleibt drei Wochen, so will es das Gesetz.

Ich bin an diesem Morgen in einem Zustand des nichtradelnden Radlens für ein, zwei Stunden. Beide Entscheidungen sind möglich, beide sind richtig, aber was wichtig ist, in diesem Moment, das wird mir erst später klar, ist die Diskrepanz zwischen der Welt, wie ich sie mir im Kopf zurechthübsche (oder im Fall besser gesagt zurechthässliche) und dem Unbekannten, was mich auf den vierzig Kilometern bis Argelès und den weiteren zwanzig, dreißig Kilometern bis zur spanischen Grenze, bis zum Pyrenäenpass bei Le Boulou erwartet.

Im Nachhinein muss ich sagen, ich hatte ja keine Ahnung und die Wetter-App lügt wie gedruckt.

Raus aus Fitou. Zunächst zwei Kilometer Weinbergswege, dann die gefürchtete Departementsstraße, wo auch schon gleich beim Auffahren eine Kolonne LKW mit Rattenschwanz an Autos vorbeizischt. Aber: es gibt einen Seitenstreifen, auf dem sich prima radeln lässt. Sicherheitsabstand per Naturgesetz sozusagen. Und: Der Tramuntana ist bei weitem nicht so stark, wie am Tag davor. Zudem hält die parallel laufende Autobahn auf ihrem hohen Damm und die Hügel im Westen ein Gutteil des Windes ab. Leichtes Radeln bis Salses und ab dort folge ich ruhigen Landstraßen bis Canet zum Euroveloradweg. Mit Rückenwind. Dann folgt Gegendarstellungnummer zwei – wie ein strenger Lehrer Lempel hebt sich eine Stimme, ein Zeigefinger in mir, ein winziges, züchtigendes Stöckchen, das mich oberschullehrerhaft belehrt, traue nie deiner eigenen Vorstellung, mach dir kein Bild von dem, was dich womöglich erwartet, mach dir überhaupt kein Bild, es verängstigt dich doch nur, und falls du dir mal ein positives Bild machst und die Realität davon abweicht, wirst du enttäuscht. Ab Canet, wieder auf dem Eurovelo 8-Track angelangt, führt die Strecke durch eine Art Obstgarten mit mannigfach blühenden Bäumchen, Schilf, Weinbergen, fast durchweg auf Radwegen; ab Argelès ist der Eurovelo 8 parallel zur Hauptstraße auf eigener Trasse geführt mit perfekter Beschilderung. Es sind genau vierzig Kilometer bis nach La Jonquera, der ersten Stadt in Spanien. Der angekündigte 69 km/h-schnelle Wind ist ein laues Lüftchen. Ich radele auf den Canigou zu, ein fast 3000 Meter hohes, schneebedecktes Massiv, aber mit moderater Steigung in der Ebene des Flüsschens Tech.

Abends im Zelt muss ich mir eingestehen, dass ich frühmorgens im Bett ein völlig falsches Bild von der Realität gebaut hatte, bestehend aus falschen Informationen und garniert mit Unwissen und hanebüchenen Vermutungen, was mir unnötigerweise die Kraft aus den Knochen gesaugt hat.

Und nun, da ich dies schreibe, auf glücklichen Wegen durch ganz Frankreich bis fast zur spanischen Grenze geradelt, finde ich noch einige unheimliche Gedankengebäude vor, die es gilt einzureißen. Etwa die 600 Kilometer von Alicante bis Gibraltar, die auf massiv befahrenen Hauptstraßen durch meinen Kopf führen, oder der Dauerregen in Ripoll, in den Pyrenäen, der mich ab übermorgen – rein gedanklich – erwartet, Nebel und Schnee und ab und zu ein Gipslaster, der Saint Laurent ansteuert, um Rigips für deutsche Trockenbauten abzuholen. All die Gespenster im eigenen Kopf, die man sich alltäglich selbst zusammendenkt aufgrund falscher Fakten und Ängste: könnte man sie nur ein für alle Mal bannen, man könnte glückneugierig durchs Leben wandeln.

5 Gedanken zu „Unheimliche Gedankengebäude, die es gilt, einzureißen #Gibrantiago“

  1. Gutwort, dieses „glückneugierig“.

    Und ja, diese gruseligen Angstmonster sind es, die am meisten Macht haben (siehe überall: auch Politik!).

    Gute Weiterreise!

  2. Wow! Es wird ja richtig was geleistet von Dir – trotz der hanebüchenen (was für`n Wort) teilweise falschen Erwartungen, kommt ja eh immer anders…
    Danke noch mal für die Venus-Postkarte. Die ist aber dünn – die Venus 🙂

  3. Gut, lieber Juergen, dass es weiaus besser kam als erwartet/befuerchtet. Fantastisch, wie man aus Deinen Schilderungen die Reise miterleben kann. Danke fuer’s virtuelle Mitnehmen. 🙂
    Ich wuensche Dir weiterhin gutes Strampeln, ein frohes Osterfest, und vor Allem safe bicycling,
    Pit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.