Vom Ziel, sich das Ziel abzugewöhnen #Gibrantiago

Schneidersitzbüro. Blaues Bettlaken. Füße liegen kalt an Oberschenkeln. Ein echtes Bett. Ich bin bei Frau SoSo, praktisch wie daheim. Gestern in der Abenddämmerung holte sie mich mitsamt Radel und Gepäck in Kaiseraugst unweit von Basel ab. Das war so geplant wegen des Wetters, wegen der Verzögerungen, die sich die letzten Tage wegen des Märzwintereinbruchs ergeben haben. So stehe ich nun am vorläufigen Ende einer Kette von Unwägbarkeiten. Ein von Zufällen zusammengewürfeltes Etwas. Ebenso unvorhersehbar, wie im Nachhinein mit dem Prädikat ’so musste es doch kommen‘ versehen.

Hätte hätte, Fahrradkette. Die Unberechenbarkeit des Radreisens macht es auch gleichzeitig so spannend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Vogesen westlich umradele – vor Reisebeginn. Ich hätte nicht erwartet, dass das Wetter sich so nachhaltig verschlechtert, während ich auf wunderbaren Fernradwegen um die Vogesen ächtze. Drei Tage Regenwetter mit vereinzelten Aufheiterungen. Auch das hätte ich nicht gedacht. Dass sich mitten im Schneegestöber in Vennans oder in L’Isle-sur-le-Doubs doch noch ein Wolkenloch auftut, das für ein zwei Stunden regen- oder schneefrei Radeln ermöglicht, kam auch unerwartet (zum Glück geschah es so).

Wenn man beim Radeln ein Ziel hat und einen festen Termin, an dem man das Ziel erreichen möchte, kommt man unweigerlich unter Druck. So hatte ich etwa vor Reisebeginn letzten Freitag das vage Ziel, donnerstags darauf bei Frau SoSo anzukommen, dreihundert Kilometer entfernt, wenn man den direkten Weg nimmt. Also bequem in einer Woche zu erreichen, nahm jedoch den chaotischen Weg, den man hier im Blog in den Tagesetappen nachvollziehen kann westlich der Vogesen. Zum einen, weil anfangs das Wetter noch ganz okay war und ich mich nicht ins Rheintal verkriechen müsste, zum anderen, weil ich im Rheintal schon so oft geradelt bin, dass es ein reines Abradeln würde, ein pures Streckemachen, kurzum, ich wollte neue Wege gehen. Und ich ging neue Wege. Die Rechnung ohne die Vogesen gemacht, denn in dieser Jahreszeit zählt jeder Höhenmeter. In den Bergen wird es unweigerlich ungemütlich. Die Tour geriet zu einer Art Vogesenvermeidungstour. Eben hatte ich noch die Chance, am dritten Reisetag den Radweg nach Abreschwiller zu nehmen, mitten hinein ins Gebirge, da gebot mir die Vernunft Einhalt, tu‘ das nicht! An den Westhängen der Berge werden sich die angekündigten Wolken als erstes ausregnen oder -schneien, und so holte ich weit aus, begab mich auf die alte Strecke, die ich schon 2000 und 2010 radelte durch kühles, nasses Weideland, entdeckte den Flussradweg Nr. 50 am Canal de l’Est. Ich möchte die 70 Kilometer Wohlfühlradeln nicht missen, auch wenn danach exzessives Regenradeln angesagt war.

Die Straße nach Gibraltar ist ein einziges, jahrzehntelanges Weg-sich-winden.

Der Schlenker über die Schweiz bedeutet immerhin gut dreihundert Kilometer Umweg. Dennoch ist er ein Teil der Strecke, denn es geht ja nicht um den geraden Weg und es geht auch nicht ums Ankommen. Das muss ich mir immer wieder klar machen und das hätte ich mir in den letzten beiden Tagen auch besser hinter die Ohren schreiben sollen, denn sobald man, insbesondere als schwerbepackter Reiseradler, sich ein Ziel und einen Termin setzt, gerät man unter Druck. Und Druck ist nicht gut fürs Wohlbefinden. Darunter leidet nicht nur der Körper, der sich verkrampft. Das Gemüt leidet mit. Mit den Augen gegen den Wind eine Steigung hinauf versuchst du, ein Ziel herbeizuzerren, das du dir selbst gesteckt hast. Und auch die Kunst leidet darunter. Du verkneifst Dir so manche Fotopause vor malerischer Landschaft. Regen und Wind tun ihr Übriges, das sind Unabdingbarkeiten. Das selbstgesteckte Ziel ist das, woran du arbeiten musst.

So kurbele ich gestern über den Eurovelo 6 immer am Rhein-Rhone-Kanal entlang Richtung Sundgau und weiter nach Mühlhausen, mit dem Ziel, mich abends mit Frau SoSo zu treffen, siebzig, achtzig Kilometer weit irgendwo in der Nähe von Basel. Durch die vage Verabredung gerate ich ganz schön unter Druck. Ich spüre wie der Körper sich zusammenzieht, wie ich einen Tick jenseits der Gemütlichkeitsgrenze ein bisschen zu schnell kurbele, ein paar Pausen zu wenig mache. Wie ein unsichtbares Band spannt sich etwas zwischen mir und dem selbstgesteckten Ziel. Schneeregen. Ein nichtfertiger Radweg in Mühlhausen, der kilometerweit über Innenstadthauptstraßen führt. Spritzwasser und Dieselrußgestank. Miese Beschilderung. Radirrwege, geschickt angetäuscht, und erst wieder ab Rixheim am Kanal ein brauchbarer, ruhiger Radweg. Pause unter einer Autobahnbrücke. Ein Radler im Militärponcho steht zum Abtropfen, so wie auch ich. Wir halten ein Schwätzchen. Bis Rheinfelden, jenseits von Basel seien es noch 30 Kilometer, sagt der Mann. Zwei Stunden Regenradeln. Ich bin nun in einem Zeitfenster, in dem ich eine konkrete Verabredung mit Frau SoSo in Betracht ziehen kann. Termin 18 Uhr am Schweizer Bahnhof in Rheinfelden. Deal.

Traue nie einem Dahergeradelten, scheinbar ortskundigen Radler im Regen im Tarnanzug … durch die Petite Camargue, ein Naturschutzgebiet am Canal de Huningue ächtze ich gen Basel. Versuche mit den Augen den Tacho Kilometer um Kilometer zu bewegen. Das Problem ist im Kopf. Die Spannung, die aus diesem Voranstreben und dem unbedingt dann und dann Ankommenwollen resultiert, die ist echt. Achtzehnuhrdreißig, gebe ich Frau SoSo per SMS Bescheid und auch das wird knapp. Gegenwind. Ungeteerte Kanalwege. Umleitungen. Hindernisse, die nicht in Kongruenz mit Ziel und Zeit stehen. Ich lerne viel über das Vorankommen unterwegs, im Leben, allgemein, auf diesen dreißig Kilometern, die keine sind, sondern mehr. ‚Man sollte viel öfter solche Reisen machen und seine Rückschlüsse daraus ziehen, was mit Körper und Geist passiert, was sie auslösen in einem, diese Reisen‘, konstatiere ich in Basel. An einer Hauptstraße mache ich das obligatorische Zehn-Kilometer- Streckenfoto. Ein ruhender Pol, alle zehn Kilometer. Im Gegenzug auch ein Störfaktor, wenn man vorankommen will. Je nachdem, ob man es aus der Sicht des Zielerreichenwollers sieht, oder aus der Sicht des Sichentspanners.

Theorie.

In Basel verschieben wir den Treffpunkt noch einmal, von Rheinfelden nach Kaiseraugst. Für Frau SoSo spielt es ja keine Rolle, ob sie mit dem Auto fünf Kilometer weiter fährt. Der Treffpunkt in einer Pizzeria klappt prima.

Nun werde ich ein paar Tage Pause einlegen, werde auf den Frühling warten und mich dann am Jura-Südfuß über Biel-Bienne und Yverdon zum Genfersee schaffen, von wo aus mein Plan ist, der Rhone bis zum Mittelmeer zu folgen. Laut Wetter-App bessert sich das Wetter am kommenden Freitag.

9 Gedanken zu „Vom Ziel, sich das Ziel abzugewöhnen #Gibrantiago“

    1. So recht, lieber Kai. Es tut gerade richtig gut, an einem echten PC zu sitzen in einer schönen warmen Bude, obschon vorhin strahlende Sonne verlockend jauchzte: schwing Dich aufs Radel.

  1. Treffpunkt Pizzeria – das klingt doch ideal. Höre lieber auf Deinen Magen als auf Kurbel und Kette in Deiner Birne.
    Hybride Grüße Euch beiden aus dem Norden.

  2. Hallo Juergen,
    Dein Artikel hier beschreibt ganz prima, warum ich ein gelegentlicher Freizeitradler bin und nicht ein Langstreckenradler: ich bin ein ausgesprochener Schönwetterradler. Und so schwinge ich mich dann eben nur bei Sonnenschein – na ja, nicht ganz ausschließlich – auf meinen Drahtesel. Aber auch wenn der Wind mir zu stark bläst, bleibe ich lieber zuhause. Und was mir gestern, nach noch nicht einmal 30 Meilen Radeln, auch zeigte, dass ich keinesfalls der geborene Langstreckenradler bin: mein Allerwertester signalisierte mir, dass er sich mindestens einen Tag Erholung wünschte. 😉
    Dir wünsche ich jetzt gute Erholung für Körper und Geist und ein behagliches Aufwärmen bei der lieben SoSo.
    Seid beide herzlichst gegrüßt,
    Pit

    1. Danke, lieber Pit. Klar ist Schönwetter vorzuziehen, aber das liegt nunmal nicht in der eigenen Macht und wenn man mehrere Tage unterwegs ist, schon gar nicht. Schlechter als die letzten Tage kann es allerdings auch nicht mehr werden.

      1. Ja, lieber Jürgen, einen ganz heißen Draht zum alten Petrus müsste man haben. 😉 Ich halte die Daumen fär eine schnelle und nachhaltige Wetterbesserung.
        LG, auch an die liebe SoSo,
        Pit
        P.S.: Hier werden mich wohl sowohl das Wetter [wir sollen Montag bis Donnerstag den langersehnten Regen bekommen] als auch eine Erkältung vom Radeln abhalten.

  3. Während ich deins lese, denke ich, dass er Mensch beim wandern, pilgern, radfahren jede Menge über sich und das Leben lernt und dann sagst du es selbst.
    Deine Geschichte, dein Erleben ist ein super Beispiel dafür, wie uns unser Kopf und den Druck, den wir darin selbst erzeugen auf alles andere wirkt. Ja, mehr Herz, mehr Bauch, und immer noch weniger Kopf!

    Danke dir und hab eine gemütliche Zeit bei Frau Soso … ich lächel und sende Herzensgrüsse an euch Zwei

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