Weltpumpe #Gibrantiago

Auch wenn es unprofessionell ist, kopiere ich an dieser Stelle einmal einen rohen, frisch geschriebenen Artikel hierher.

Normalerweise erfahren alle Artikel zwei Korrekturdurchläufe, ehe ich sie in diesem Blog veröffentliche.

Ich feile an den Texten, lösche Füllworte, füge die Akzente über den Buchstaben ein, die mir auf der Bluetoothtastatur fehlen und korrigiere alle Tippfehler, derer ich auf dem winzigen Smartphonebildschirm habhaft werde.

Hier nun ein Einblick ins offene Herz meines Schreibens.

Trotz aller Eintönigkeit, gibt es im Olivenland feine Unterschiede, meine ich festzustellen. Die Gegend um Alcaudete etwa wirkt um einiges lieblicher, als die Gegend zwischen Ubeda und Jaen, wo außer Olivenbäumen kein anderes Kraut geduldet wird. Gnadenlos wird rings um die Bäume jegliches Gras, jegliche Blumen, alles, was nur irgend lebt zerfräst oder totgespritzt.

Vielleicht liegt es auch am Bahntrassenradweg, dass ich die Alcaudetischen Olivenplantagen heimeliger empfinde als diejenigen weiter westlich.

Jede Menge Wildzeltplätze taten sich auf am vorgestrigen Abend, sei es auch nur einer der vielen Picknickplätze, die man am Rande der Radstrecke eingerichtet hat. Oft ist das nur ein Bänklein und ein Tisch, manchmal kommt auch eine schattenspendende Pergola hinzu oder gar ein Brunnen. Schilder am Wegrand zeigen jeweils die Entfernung zum nächsten Picknickplatz an. Die Distanz ist meist zwischen zwei und fünf Kilometern. Ich kann mir vorstellen, dass das im Sommer auch wichtig ist, und Lorena, die Rezeptionistin in dem Appartementshotel, das ich gerade betreten habe, bestätigt das auch. Im Sommer erreiche man hier Temperaturen um 40 Grad. Daher seien auch alle Häuser, Autos usw. mit Klimaanlagen ausgestattet und in Andalusien gebe es jede Menge Swiminpools. Gerade hat sie mit dem Chef telefoniert, ob sie mir das große Appartement für den Preis eines kleinen Appartements vermieten dürfe und nun hebt sie den Daumen. Jackpot, World Record, du bist der erste und einzige, der das Appartement zu solch einem günstigen Preis mietet, sagt sie auf Englisch. Dann führt sie mich über verwinkelte Treppen vorbei am Pool dahin. Wow. Zwei Stockwerke, zwei Bäder, Küche, Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, insgesamt vier Personen haben hier Platz, ich soll meine Freunde einladen, scherzt sie, ich habe keine Freunde, erwidere ich. Das gesamte Gelände ist nach meinem Geschmack. Wie so eine Burg stehen die weißen Häuschen direkt am Radweg und das Radel kann ich ebenerdig ins Wohnzimmer schieben. Inventur. Alle Taschen leeren. Im Appartementshotel sind nämlich auch zwei deutsche Monteure, die für eine Möbelfabrik eine neue Maschine aufbauen. Und sie haben ein Auto dabei, damit sie die halbe Tonne Werkzeug, die sie zur Montage brauchen, kostengünstig hierher transportieren können.

Thomas, der Sohn des Firmenchefs, erklärt mir abends, in der Halbzeitpause des Championsleague Spiels Madrid gegen Wolfsburg, wie das so ist mit den Maschinen, die sie montieren, dass sie europaweit auf Montage sind, in Finnland wie in der Schweiz wie jetzt auch hier. Manche Maschinen sind so groß, dass sechzig LKW benötigt werden, um die Einzelteile vor Ort zu bringen und es dauert sechs Monate, bis alles eingerichtet ist. Ich erhalte einen Crashkurs in Möbelkonzern. Und mir schlackern die Ohren, als er vom Marktführer in Deutschland erzählt, der 3000 Küchen am Tag herstellt, fast eine Million pro Jahr.

Die große Waren- und Dienstleistungspumpe kommt mir wieder in den Sinn, wie streng getaktet unsere arbeitsteilige Gesellschaft, dieser Mahlstrom aus Produktion, Konsum, Entsorgung, Vergiftung, Wiedergutmachung doch ist. Jedes Auto, jeder LKW, jede Straße, jeder Radweg, jedes fein gehobelte Holzgeländer an steilen Böschungen, alles Supermarktinhalte und alle Mauern um alle Supermärkte und Städte und Dörfer herum gehören dazu und auch die große Olivenwüste gehört zu diesem System. Wie am Tropf hängend stehen die Bäumchen über die Hügel verteilt und machen auch vor steilsten Lagen nicht halt. Überall, wo Traktoren auch nur irgend durchkommen, stehen in Abständen von acht bis zehn Metern Olivenbäume und es gibt in regelmäßigen Abständen Fabrikhallen und Koorperativen und Lagerhallen und Ölpressen und Ölpressenhersteller und Hersteller für andere Dinge, die im Zusammenhang mit Oliven stehen und so ist es mit den Autos und mit den Möbeln und den Küchen und den Smartphones und den Babywindeln und den Kinderspielzeugen und den Straßenbauwasauchimmers. Wir leben in einem extrem verzahnten und getakteten System weltweit. Nun gaukelt die Frage, wenn der Marktführer eine Million Küchen pro Jahr herstellt, dann müssen die doch auch gebraucht werden, gekauft, transportiert usw. Auch Thomas runzelt die Stirn. Aber es scheint zu funktionieren. Die große Weltenpumpe ist trotz aller Unwägbarkeit dennoch ein gut funktionierendes System, das sich selbst justiert. Wenn keine Million Küchen mehr verkauft werden können, stirbt das eine oder andere Unternehmen eben und dann haben wir für eine Weile vielleicht Verhältnisse wie in Yecla vor einer Woche. Gewerberuinen, die der Liquidation anheim fallen, aber die Ströme aus Waren und Bedürfnissen suchen sich andere Wege.

Nach über hundert Kilometern endet der Radweg Via Verde del Aceite und Subb… jenseits von Lucena. Obschon die Oberfläche rauh und schadhaft ist, ist er ein absoluter Leckerbissen. Mit dem schwer bepackten 28-Zoll-Fahrrad ohne Probleme machbar. Einziges Problem sind Lehmpassagen, die aber auch nur unmittelbar nach oder während Regenphasen. Wenn sie nass sind, verwandeln sie sich in klebrige Schlammpisten, die die Räder blockieren und eine elende Sauerei verursachen. Kurz vor Lucena treffe ich sieben Finnen und Finninnen. Ein Regenschauer geht nieder. Wir stehen im Windschatten eines geschlossenen Museums, dicht an der Wand, und smalltalken. Eine der Finninnen hat Asthma und lässt sich vom Besenwagen abholen, der ihnen als Service hinterher gondelt. Die Räder, gute Mountainbikes mit Schmutzfängern und Fronttaschen, haben sie gemietet. Sie wohnen an der Küste nahe Marbella. Wir radebrechen deutsch und englisch und spanisch und einer von ihnen, der ein paar Jahre in Garmisch Partenkirchen gewohnt hat, sagt mir eines der wenigen Worte, die er dort gelernt hat: eingequetschter Bruch und macht eine Handbewegung zum Bauchspeck. Beinahe muss ich laut losprusten.

Auch zwei Deutsche treffe ich auf der malerischen Brücke unterhalb des Castells Zuheros, wo wir alle Fotopause machen. Auch sie haben die Fahrräder mitsamt Ortlieb-Packtaschen irgendwo gemietet und gondeln seit einigen Tagen durch Andalusien. Sie warnen mich vor dem Lehm, der jenseits von Lucena auf dem Radweg noch schlimmer werde und am besten sei es, ab Lucena auf die Landstraße auszuweichen. Aber als ich vor Ort bin, hat die Sonne alles getrocknet und das, was sie mir als ungeteert vorhersagten, war wenn auch schadhaft und rauh, bis auf ein paar lehmige Stücke gut befestigt.

Ich möchte an dieser Stelle warnen. Es könnte sein, dass sich im Kopf der Lesenden traumhafte Radwege manifestieren und das sind sie ja auch, nur eben ist mein Traumhaftbegriff vielleicht etwas weniger traumhaft als der anderer Menschen. Wenn ihr die Strecke radeln wollt, stellt euch am Besten gut befestigte, relativ glatte deutsche Waldwege vor mit einigen Pfützen darin, mit Rissen, aus denen Pflanzen ragen usw. Mit fünfzehn bis zwanzig Sachen komme ich auf ebener Strecke voran. Abwärts sind auch mehr drin. Die Augen sollte man immer auf der Piste haben, denn in regelmäßigen Abständen blockieren Pfosten die Durchfahrt für Autos.

Hinter Lucena biege ich, etwa fünf Kilometer bevor die Bahntrassenradweg endet, auf die Landstraße Richtung Jauja ab.

Eine relativ ruhige Strecke, wenn man mal von der satten Steigung durch die Olivenwüste absieht, vorbei an zwei Naturreservaten, winzige Etwasse von vielleicht drei, vier Hektar Größe, die sich um sogenannte Lagunas erstrecken. Das sind wohl Seen oder ehemalige Seen, größere Pfützen, in denen sich das Wasser bei Regen sammelt, so male ich mir das aus und während ich so durch die Olivenwüste radele und links die Laguna sehe, wird mir das Ausmaß bewusst, wie wir Menschen uns die Erde untertan gemacht haben. Es gibt praktisch kein Niemandsland, nicht hier an der Straße. Selbst einen Zeltplatz zu finden, würde schwer werden. Ich müsste entweder in das Naturschutzgebiet ausweichen, was ja auch nicht Sinn der Sache ist, oder im Olivenlehm zelten – oder auf einer Müllkippe.

In Jauja irre ich auf der Suche nach einem Supermarkt umher, da spricht mich vor der Kirche ein Mann an, er habe mich schon in Lucena gesehen, und herzlich willkommen, was ich suche? Einen Mercado oder eine Alimentation, irgendwas, wo ich ein bisschen Lebensmittel kaufen kann, und schon hat er mich beim Arm genommen, komm, wir schauen erstmal die Kirche, das Radel kannst hier stehen lassen, die Leute passen darauf auf, und die Glocken fangen plötzlich an zu bimmeln, unheimlich laut, und wir gehen durchs genietete eisern-hölzerne Tor und drinnen herrscht Gebetsstimmung. Stille, gedämpft die Glocke. Julio, so heißt mein Freund, erzählt von der Kirche, von der heiligen Woche, zeigt mir den aufgebarten Jesus, also die Skulptur und, zwar verstehe ich es nicht, einen leeren Schrein, der auch etwas mit der heiligen Woche zu tun habe und schon sind wir wieder draußen im Dorf. Der Supermarkt ist in einer kaum zwei Meter breiten Seitengasse, gehört einem Verwandten, sagt Julio und wir gehen jetzt erst einmal ins Restaurant auf ein bisschen Tapas und ein Bier, fordert er.

Dort erzählt er aus seinem Leben, 65 Jahre alt ist er, Rentner nun, habe früher Radrennen gefahren. Von Barcelona, wo er lange gelebt hatte, ist er bis hierher nach Andalusien geradelt. Die Leute reden heute noch darüber. Ich soll nur mal rundgehen im Dorf und nach demjenigen fragen, der von Barcelona hierher geradelt ist. Dreieinhalb Tage hatte er gebraucht von Tarragona bis hierher, sei 20 Stunden am Tag geradelt und geschlafen habe er in den Restaurants.

Kurz verschwindet er, warte hier, geht hinüber in seine Wohnung, die gerde schräg gegenüber dem Restaurant liegt, und kommt mit einem selbstgebackenen Brot wieder und einer Tüte voller Fotos. Bilder aus den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren, meist von Radrennen, die er gefahren ist. Es scheint sich um Crossrennen zu handeln, denn auf einigen Fotos schleppt der das Rennrad auf der Schulter einen steinigen Hügel hinauf. Hier ein Achtzigerjahre-Bart, dort der erste Ansatz von Bauch, aber immer noch ganz vorne vor allen anderen. Julio ist stolz. Ab und zur das Bild einer Frau, verschiedener Frauen, da ein ganz besonderes Bild, scheinbar, er legt es wehmütig zur Seite, sein bester Freund. Ich frage nicht, ob er tot ist, frage gar nicht, denn ich kann ja kein Spanisch und alles, was ich radebreche, führt zu Verstrickungen, da ist kaum Platz für Persönliches, aber die Bilder sprechen genug. Eine Reise durch ein anderes Leben. Mellila, Militäruniform, hier ein Orden, stolz blickt er mich an, und ach, da ist er wieder, der Freund, in Julios Blick lese ich, dass er tot ist, dass vielleicht alle tot sind, die ich auf den Bildern sehe, die Geliebten, die Radlerfreunde, die Kameraden beim Militär.

Nur noch Julio ist da und die Bilder und dieser schnell schwindende Fels aus Leben, den die Zeit dahinwäscht wie der Regen die bröselige, braune Erde unter einem abschüssigen Olivenfeld.

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(Pssst: sanft enttippfehlert by SoSo)

2 Gedanken zu „Weltpumpe #Gibrantiago“

  1. Je länger wir leben, umso grösser wird das, was fehlt, umso mehr werden die, die jetzt fehlen … auch damit müssen wir leben lernen.

    Die Pumpe … ich finde es schlichtweg schrecklich. Aussteigen, weg … geht das überhaupt noch?

    liebe Grüsse an dich und Soso
    Ulli

  2. Diese Gedanken und Erlebnisse und ein- oder nicht eingetroffenen Wegarten, das Gift unter den Olivenbäumen, der ganze Kommerz, das mit dem alten spanischen Radfahrer – spannender als, als….muss schwer überlegen. Meine Sinne sind grad bisschen vertrocknet, deshalb fallen mir die richtig saftigen Worte nicht so ein- bitte denke sie dir!
    Grüße in die Ferne –
    Sonja

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