Ob Jack Kerouac wohl Blogger geworden wäre? #Gibrantiago

Jack Kerouac hatte kürzlich Geburtstag. Am 12. März wäre er 94 Jahre alt geworden. Dass er zwei Jahre nach meiner Geburt nicht einmal fünfzigjährig starb, ist glaube ich seinem exzessiven Lebenswandel zuzuschreiben. Mit dem Buch Unterwegs (On The Road) schrieb er sich zur Ikone der Beat-Generation. Auch hat er zahlreiche andere Bücher geschrieben, von denen ich Gammler, Zen und hohe Berge am liebsten hatte. Ich glaube, es war das Buch, in dem dieser Japhy Ryder vorkam, mit dem ich mich identifizierte, ein Mensch, der alles Materielle abwarf, in einer Hütte lebte, auf dem Boden schlief und irgendwann nach Japan oder Fernost auswanderte und verschwand. Genau weiß ich das nicht mehr. Es ist dreißig Jahre her, dass ich Kerouac las. Ich habe mich immer gefragt, wie der Mann mit seiner spontanen, gegen die damaligen Regeln der Literatur verstoßenden Schreibe, so bekannt werden konnte. Und ich frage mich, was wohl aus Jack Kerouac geworden wäre, wenn er heute leben würde. Ob er Blogger wäre? Ob er zu den Auserwählten gehören würde? Zu denjenigen, die die Verlage groß herausbringen, also zu denjenigen, von denen man sich erhofft, dass sie Gewinn abwerfen?

Sicher gab es einige von seiner Sorte, die nie bekannt wurden, die nie verlegt wurden, die nie mitspielen durften, obwohl sie ähnliche Produkte vorzuweisen hatten, wie Unterwegs (oder dazu in der Lage gewesen wären, solch ein Buch zu schreiben, allein, es fehlten die Anreize).

So mutmaße ich vor mich hin und benehme mich wie ein Astronom, der in den tiefen des Sonnensystem nach einem unbekannten neunten Planeten sucht, nur eben statt Planeten im Weltall verschollene Kunstwerke und literarische, nie gedruckte Schätze … Das Angenehme am Bloggen ist, dass es einem den Druck nimmt, sich und das woran man arbeitet zur Ware machen zu müssen.

Der Rhôneradweg entwickelt sich zu meinem absoluten Lieblingsfernradweg, so gut ist er ausgebaut und beschildert. Natürlich hat er Mängel, den größten wohl jenes etwa dreißig Kilometer lange Stück Departementsstraße zwischen Mulattière südlich Lyons und Givors. Da sind wir uns einig, der französische Rennradler und ich. Seit einigen Kilometern fahren wir nebeneinander her, meist schweigend, Reisegeschichten sind ja schnell erzählt. Da vorne liegt Bourg-Saint-Andéol, sein Wohnort. Im letzten Jahr radelte er die Via Rhôna ab Genf und nein, südlich von Lyon existiert tatsächlich kein Radweg, gibt es kein Entrinnen, da musst du auf die Straße, da hast du dich nicht getäuscht, Herr Irgendlink. Friss Dieselrußgestank.

In Bourg-Saint-Andéol biegt mein schweigsamer Freund ab und ich kaufe in einer Épicerie in dem schönen alten Städtchen eine Orange und ein Bier. Der Besitzer wollte sich gerade einen Joint bauen, als ich eintrete. Vom Band tönt Reggaemusik und ach, diese kleinen Städtchen alle. Wunderbar verwinkelte Etwasse. Eigentlich bräuchte man viel mehr Zeit für diese Route.

Zuvor hatte ich in Rocquemaure auf Anraten der Twitterkollegen @spmrider und @RecumbentTravel noch Wasser getankt. Auch wenn das alte Dorf nicht an der Via Rhôna liegt, lohnt sich ein Abstecher über die offenbar eigens für Radler und Fußgänger gebaute Hängebrücke. Ein verwinkeltes Etwas mit einer sehr populären Trinkwasserquelle. Aus zehn Rohren läuft im Brunnenhaus permanent Wasser und die Leute kommen von Nah und Fern, füllen kanisterweise ab. Wohnmobile und Kleinlaster fahren vor.

Ob dem Wasser eine Heilwirkung nachgesagt wird, frage ich einen Dorfbewohner. Nicht dass er wüsste, es sei einfach nur gut. Sein Vater und sein Großvater haben in der Abfüllanlage gearbeitet, die es einmal gab (ich konnte nicht herausfinden, ob sie noch immer in Betrieb ist, ich glaube, er sagte nein). Ganz früher habe man die Adligen mit dem Wasser beliefert.

Der gestrige Tag war der bisher wärmste Reisetag. Gegen Abend klarte die braunbläuliche Luft auf. Wunderbares Fotowetter und auch mal einfach so eine halbe Stunde draußen sitzen, ohne auszukühlen, radeln ohne Handschuhe. Die Lagerplatzsuche in der topfebenen Gegend nahe Pierrelatte war schwierig. Besessenes Land. Beregnungsanlagen. Einsame Gehöfte mit Hunden. Kein Camping weit und breit. Schließlich lande ich doch noch auf einem schönen Plätzchen am Fuß des Hochwasserdeichs. Eingekeilt von einem unheimlichen Donnern aus Richtung des nahen Kernkraftwerks und dem Brunftschrei argloser Tiere im Schilfland.

4 Gedanken zu „Ob Jack Kerouac wohl Blogger geworden wäre? #Gibrantiago“

  1. Wäre Kerouac Blogger, hätte ich bestimmt schon alles von ihm
    gelesen. So aber …

    Gut, dass du dich in Sachen Exzesse zurück gehalten hast. Sonst könntest du ja nicht radeln und wir Armen dich nicht lesen.

    1. Hallo liebe SoSo,
      aber Gott sei Dank haelt er sich beim exzessiven Radeln nicht zurueck, unser Freund. 😉
      Mach’s gut, und ihm weiterhin froehliches Strampeln,
      Pit

  2. Der Aussteigertraum, den Kerouac beschrieb: Wieviele Männer jenseits der 37 werden den wohl haben — so ganz allgemein gefragt, und wieviele Frauen träumen ihn?

    Radler sind seltsame Leut: Die einen wohnen in einer Burg, die anderen zelten irgendwo (ich weiß, daß es auch „normale“ gibt).

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