Tag #44 – Infos aus der Homebase

Heute hat Irgendlink zwar nicht gegen Windmühlen gekämpft, aber mit Winden; Westwinden, Gegenwinden.

Quer durch die Lande radelte er, um sich hoffentlich bald wieder auf ein längeres Stück Radweg einspuren zu können. Die Autostraßen, die er heute gefahren ist, sind zum Glück nicht stark befahren und die überholenden Wagen rücksichtsvoll, dennoch fährt es sich angenehmer auf Strecken ohne Autos.

Sein Zelt steht heute wieder in einem kleinen Waldstück − nicht zuletzt ein guter Windschutz.

Ontur
Ontur
Unterwegs I
Unterwegs II
Unterwegs III
Selfie-Pano

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Wie es dort aussieht, weiß sogar Guugl Striitviu: dazu bitte hier ⇒ klicken.

Sierra del Räumungsverkauf #Gibrantiago

„Elf Blätter brauchen wir noch, Marietta, elf Blätter und ein bisschen Tinte“. Er ging zum Safe, drehte die Kombination, öffnete und nahm einen Umschlag heraus, in dem sich 250 Euro befanden. Der klägliche Rest aus der Barschaft. Wie viele Scheine wohl in den letzten Jahren diesen Safe durchwandert hatten? Sowohl im Lager, als auch in den Kassen und auf den Konten herrschte einst reger Waren- und Geldverkehr. Marietta hätte eigentlich nicht kommen müssen an diesem letzten Tag. Die Übergabe hätte er alleine machen können. Er räumte seine Habseligkeiten vom Schreibtisch, das Bild seiner Familie, einen Wimpel, den er beim Radfahren in Österreich letztes Jahr im Straßengraben gefunden hatte, auf dem geschrieben stand, ‚Geprüfter Radfahrer‘, was auch immer das auf spanisch heißen mochte, sein silbernes Feuerzeug und eine Zigarre, die ihm einst ein kubanischer Kollege geschenkt hatte. Dass er Marietta nun in die Unwägbarkeiten des spanischen Arbeitsmarktes oder besser gesagt Arbeitslosenmarktes entlassen musste, tat ihm besonders weh.

Auf dem Laptop schickte er elf Dateien an den Drucker und druckte drei i, ein L, ein ó, ein q, ein a, ein n,ein d, ein u und ein t in fetter schwarzer Schrift je auf ein Blatt. Als Marietta die Blätter brachte, drückte er ihr den Umschlag in die Hand und bedankte sich. Er unterdrückte die Tränen.

Mit Klebestreifen befestigten sie die Blätter gemeinsam an der getönten, riesigen Scheibe die nur eine von vielen war an dem knapp sechzig Meter langen Möbellager mit Schauraum und Büros. Es würde ein warmer Frühlingstag werden. Der Westwind brachte klares Wetter und Sonne.

Er ließ sich in seinen Drehstuhl fallen, legte die Füße auf den Schreibtisch, was er sonst nie tat, und schaute nach draußen, wo gerade ein schwer bepackter Reiseradler vorbeiradelte, der neben den üblichen wasserdichten Packtaschen vorne und hinten noch ein großes grünes Paket der spanischen Post auf dem Gepäckträger mitschleppte.

Ich.

Schon an der Küste hatte ich überlegt, dass es langsam an der Zeit ist, die Winterklamotten und einiges anderes überflüssiges Zeug mit der Post nach Hause zu schicken. Da kommt mir die Correjos, so heißt in Spanien die Post neben einer Bäckerei, in der ich mich mit Brot und Leckereien eindecke, gerade recht. Schon habe ich ein Faltpaket für Drei-Euro-Nochwas erstanden und räume vor der Tür sämtliche Packtaschen leer und stopfe alles Überflüssige in den Karton. Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. An der Tür hängt ein Schild, dass bis 14:30 geöffnet ist. Das Paket von vielleicht sechzig mal fünfunfzwanzig mal sechzig Zentimetern ist beinahe zu klein für all das Zeug und mit einem ‚wird schon nicht so teuer sein‘-Lächeln kehre ich zum Schalter zurück, fülle die Internationalpapiere aus, da tippt mich der Mann am Schalter an und zeigt auf den Preis, 42 Euro, ich falle fast vom Hocker, 42 Euro für drei Kilo Zeugs, das kaum so viel wert ist, wie der Preis fürs Porto. Wenn ich auf zwei Kilo reduziere, sagt der Mann, kostet es nur 20 Euro.

Ich mache eine Drehbewegung mit dem Finget vor der Stirn und sage, da muss ich nochmal nachdenken, pensar, sie wissen und er lächelt und ich schnalle das ganze unnütze Zeug samt Karton auf den Gepäckträger und radele weiter Richtung Villena auf der recht stark befahrenen Straße CV 81. Es gibt zwar auch eine Wanderwegalternative, aber die ist teilweise so holprig, dass es mir den Tag vermiesen würde, da entlang zu ächzen. Zudem fällt die Straße gut zehn Kilometer weit so stark, dass ich mit dreißig Sachen dahinbrause. Alles in allem erträglich. Diese fiesen, unsichtbaren Steigungen! In dem total flach erscheinenden Land, das von runden Bergen weit in der Ferne umringt ist, merkt man gar nicht, dass man sich eigentlich auf einer schiefen Ebene befindet. Ich erinnere mich, dass ich einmal auf der Südseite der Pyrenäen beinahe verzweifelt wäre, als ich solch eine unsichtbare Steigung kilometerweit hinaufkurbelte. Dein Hirn sagt, es ist doch topfeben hier; wegen des Mangels an Anhaltspunkten, kann es die Steigung nicht erkennen.

Nur diese schnurgerade Linie und ich.

Die CV 81 führt weiter bis Yecla, schon überquere ich die Grenze zur Region Murcia. Rechts und links der Straße sind Gewerbegebiete ausgewiesen. Durstiges, von kümmerlichem Gras bewachsenes Land, in dem Schilder stehen, zu verkaufen, 18.000 Quadratmeter für 84.000 Euro, voll erschlossen mit Wasser und Stromanschluss, oder manchmal steht auf den riesigen Tafeln nur eine Quadratmeterzahl und eine Telefonnummer. Je näher ich Yecla komme, desto mehr sind die Grundstücke bebaut. Riesige, zig Meter lange Lagerhallen oder Gewebekomplexe, Glaspaläste, teils zerfallen, teils nicht fertig gebaut, meist zu verkaufen und nach ein paar Kilometern beginnt dann offenbar so eine Art Möbelstrich. Ein Möbellager am anderen, hier die Sofas, da die Betten, dort die Küchen usw., je näher an Yecla, desto sofa, stelle ich fest. Wer zur Hölle braucht so viele Möbel, frage ich mich. Niemand. Niemand mehr, denn an den meisten dieser Hallen hängen Schilder, dass sie zu verkaufen sind, dass sie neueröffnet werden oder wurden, Liquidatión steht in vielen der riesigen einstigen Schaufenster, jeder Buchstabe auf ein einzelnes Blatt Papier gedruckt und mit Tesafilm von innen festgeklebt. Schon in Villena sind mir einzelne Liquidationsschilder aufgefallen, aber hier? Die Sierra de la Liquidatión ist das wohl.

Am Ortsrand von Yecla steht ein überdimensionales Denkmal für die Möbelbauer aus dem Jahr 2004 oder 2001, ich erinnere mich nicht genau an das Datum, das auf der Tafel am Sockel stand.

Die Stadt ist mir unheimlich. Sie wirkt wie ein leergenagter Knochen, an dem einst viel Fleisch war und mir graut davor, die dreißig Kilometer ins Outback westlich der Stadt zu radeln, denn auf das Zelten in einem ehemaligen Industriegelände habe ich gar keine Lust. Einen Campingplatz gibt es nicht. Die Stadt selbst, ich könnte ein Zimmer nehmen, fühlt sich nicht gut an. Gegen 18 Uhr schufte ich mich hinaus Richtung Fuente Álamo (irgendwas mit Á und der Name wird im GPS nicht angezeigt, später recherchieren. → done); das seien 25 Kilometer, sagt mir ein Tankwärter am Ortsrand. Das Sträßchen ist kaum befahren. Es gibt sogar einen Radweg hinaus aus der Stadt, der bis zum streng umzäunten Tennisclub führt. Danach kaum befahrene schiefe Ebene, Landwirtschaft, Wein und Oliven. Einzelne Gehöfte. Ein Hotel außerhalb, aber da habe ich längst ein Wäldchen angepeilt und ächze mit 10 bis 15 km/h die schiefe Ebene hinauf bei wunderbarstem Sonnenschein. Alles passt. Beim Wäldchen finde ich einen Lagerplatz unter Kiefern, halbwegs windgeschützt und nun sitze ich in der Morgensonne auf einem Stein und tippe diese Zeilen. Das Netz fluktuiert mit dem Wind, meist ist hier oben auf 800 Metern Höhe kein Empfang.

Tag #43 – Infos aus der Homebase

Nach morgendlichen Regenfällen samt Hagel klarte es gegen Mittag auf, so dass Irgendlink weiter südwestlich durch die öde, fast lappländisch karge Landschaft radeln konnte.

Das Netz ist phasenweise eher wackelig, sodass die Kommunikation entsprechend lückenhaft funktioniert.

Heute zeltet Irgendlink in der Pampa bei Yecla und smst: »Unter Kiefern ne Pinien am Wanderweg. Wind ist weg. Straße ruhig. Fernab ein paar Hunde.«

Acres. Unter den Markisen hinten ist mein Frühstücksrestaurant.

 

Hinweis auf eine Kartbahn in Villans

 

Möbelbauerdenkmal in Yecla

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Tag #42 – Infos aus der Homebase

Heute hat Irgendlink die Küste verlassen und radelt seit Vilallongo auf einer ehemaligen Bahntrasse Richtung Alcoy. »Steinig, aber sowas von schön,« twittert er. Einem Bad im Fond de Botero, was immer das ist, sieht man hier, widersteht er. Weil aprilfrisch.

Ein ruhiger Tag. Nun baut er sein Zelt in einem Fast-Funkloch kurz nach Alcoi auf.

Falls im Laufe des Abends doch noch Bilder durchs karge Netz zu mir gekrochen kommen sollten, werde ich sie anfügen.

Das folgende Bild hier haben TwitterfollowerInnen heute bereits gesehen. Es spricht von einem freundlichen Tag. So freundlich, dass selbst Heiko Moorlander, Irgendlinks Alter Ego, der MudArtist, ihm und der Gegend ein Kunstwerk gewidmet hat.

HMoorlander_Poleposition
Mit ‚Poleposition‘ dankte Heiko Moorlander den Bürgerinnen und Bürgern Gandias für den freundlichen Empfang.
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Auf diesem Tracklink ist auch die Skizze des Restweges nach Jerez mitdrauf. Zur Reststrecke haben wir im Netz keinen gpx-Track gefunden. Mehr über seine Wegsuche wird Irgendlink demnächst bloggen.

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Die einfache Rückkopplungsidee des Herrn Irgendlink #Gibrantiago

Jenseits von Puçol nähert sich im Schrittempo eine Kehrmaschine auf dem knallrot angemalten Radweg. Hinter ein paar Bäumen eines Picknickplatzes jault ein Dieselmotor und man hört die Schippen von Bauarbeitern klappern, die – offenbar – dem Minibagger zur Seite stehen und die Feinarbeit leisten. Querab etwas weiter weg spielt das Rückfahrwarngepiepse einer anderen Baumaschine auf einer anderen Baustelle mit in dem Orchester. Sozusagen die erste Geige der Bauarbeit.

Ich habe es mir auf einer Picknickbank gemütlich gemacht und lasse den Radweg an mir vorbei flanieren. Männer und Frauen, Radler und Jogger, sogar Inlineskater sind auf dem fein geteerten Etwas unterwegs. Der Wind treibt müde Plastiktüten dahin. Meine Solarzelle pumpt Energie in das iPhone und in den Pufferakku.

Sie alle rennen, um gesund zu bleiben. Gesund und fit und dem Ideal des geschäftigen Menschen zu gehorchen, vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir leben in einer rennenden Welt, denkt mein Hirn und bastelt am Bild einer sich selbst treibenden Geschäftigkeits- und Wertschöpfungsmaschine. Nur wer sich bewegt, wer fit und gesund ist, der taugt etwas in diesem eigenartigen Perpetuum Mobilé und nur wer schneller wird als die anderen und mithält mit dem Schnellerwerden der anderen, die wiederum mithalten müssen mit dem eigenen Schnellerwerden … hach, welch eigenartige Kettenreaktion, welch teuflisch fatale Rückkopplung, ich sitze still, schäle eine Orange, esse sie. Ein pummeliger Mann radelt auf den Rastplatz. Am Fahrrad hat er ein Radio, scheinbar fest eingebaut, genau wie bei Autos. Jemand muss ihm klar gemacht haben, dass dies ein guter Kauf ist, dass es genau das ist, was er braucht, ein Fahrrad mit Radio und USB, damit er immer seinen Lieblingssender hören kann, wenn er trainiert, vielleicht arbeitet er in einem Büro, vielleicht hatte er kürzlich einen Herzinfarkt und ist jetzt rekonvaleszent, vielleicht ist er schon Rentner?

Aus dem Schatten eines Baums kommt ein anderer Mann daher. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie er am Picknickplatz angefahren ist. Er drückt mir einen Stadtplan von Valencia in die Hand. Das ist nur noch 15 Kilometer entfernt, sagt er und dann kramt er aus seinen Packtaschen weiteres Radlermaterial. Zwei Radlermagazine auf spanisch schenkt er mir und die Visitenkarte eines Radlercafés, da könne ich zum Beispiel das schwer bepackte Europennerradel abstellen und einen Stadtspaziergang machen. Die würden dann auf mein Rad aufpassen. Die Stadt sei voller Schlawiner, armer Leute und es sei gefährlich, das Gepäck unbewacht zu lassen und dann drückt er mir noch eine weitere Visitenkarte in die Hand von einem Radlergeschäft, in dem der beste Monteur der Stadt arbeitet. Dort könne ich auch so eine Presslufthupe kaufen, wie er sie montiert hat. Er demonstriert mir das Warngerät, fast so laut wie eine Autohupe. Sagte er 25 Dezibel oder 250? Ich weiß es nicht mehr. Das Ding ist mit einem Druckschlauch an einer Flasche befestigt, die in den Trinkflaschenhalter passt. Mit einer normalen Luftpumpe und Autoventil pumpt man es auf und hat dann genug Luft, um fünf, zehn, fünfzehnmal zu hupen. Je nachdem wie lange und intensiv.

Manolo, so heißt mein valencianischer Leitengel, ist schon 81 Jahre alt und er fährt jeden Tag die Strecke von Valencia nach Sagunto und wieder zurück. Fünfzig Kilometer. Ich hätte ihn auf höchstens siebzig geschätzt. Radfahren hält jung.

Die Via Verde führt tatsächlich bis hinein in die Großstadt, obschon die Strecke entlang der Hauptstraße und durch zig Kreisverkehre nicht gerade schön ist, bin ich dankbar, nicht mit den Dieselrußkarossen auf einer Piste fahren zu müssen. Auch die Radwegführung in Valencia gelingt  – GPS und Track sei Dank – bestens. Plötzlich bin ich in einer länglichen Oase, mitten in der Stadt. Hatte nicht Manolo erzählt, der Radladen sei direkt am Fluss, aber den Fluss gebe es nicht mehr? Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass der Fluss, der einst durch Valencia floss nach einem katastrophalen Hochwasser kurzerhand umgeleitet wurde und das stillgelegte Flussbett wurde zum Park umgewidmet. So folge ich ein, zwei Kilometer den Radwegen in dem vielleicht hundert Meter breiten Gelände, hindurch unter uralten Brücken, vorbei an Spielplätzen und Skatearenen bis hin zu einem Museumsgelände, auf dem futuristische Gebäude stehen, die aussehen wie das Maul eines überdimensionalen Fischs, Springbrunnen und hunderte Meter lange Wasserbecken, Touristen und Studenten. Die Stadt ist jung, sie lebt, sie pulsiert.

Was habe ich wohl mit dem gestrigen Bericht über die Nutten und Schneckensammler für ein verzerrtes Spanien-/Europabild gezeichnet, mich selbst als apokalyptischen Radler bezichtigt, der den Niedergang eines ganzen Kontinents dokumentiert, aber das stimmt doch gar nicht. Vielleicht ist es ja mit uns Menschen wie im Wald? Wir wachsen auf dem Nährboden verrottender Vorangegangener. Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot und das immer wieder im steten Rund der Generationen? Wohl dem, der in einer Brotschleife geboren wurde, so wie ich, wie wir alle; und das ist aber auch nur die halbe Wahrheit, denn ich sitze obendrein noch auf der richtigen Seite des Mittelmeers, wird mir gerade klar, sitze frühmorgens am Strand in der Nähe von Gandia. Die Sonne powert ordentlich drauflos und die Solarzelle pumpt den Akku voll. Menschen flanieren auf der Strandpromenade und auch die ewig wetzenden Jogger, Hundegassigängerinnen, das Land ist reich.

Eine Front aus Hochhäusern voller Appartements bleckt Richtung Meer, eins von ihnen sieht fast aus, wie ein Inkatempel, wie eine terrassenartige Pyramide. Müllcontainertransporter, emsige Bauarbeiter, ein ganz anderes Bild, als der deprimierende Orangenstrich jenseits von Castellón, als die verhärmten Schneckensammler in der niedergegangenen Gewerbewüste nördlich von Valencia, als der keuchende Junge, der einen riesigen Wagen voller Altpapier entlang der Autobahn schob – ob er das hier im Straßengraben sammelt, habe ich mich gefragt, ob das sein Beruf ist, ob er davon leben kann oder muss?

Vorhin radelte ich kilometerweit durch dicht besiedeltes Gebiet, das heißt, alle paarhundert Meter am Wegrand steht eine kleine Finca umgeben von Orangenhainen. Fast jedes Grundstück ist eingezäunt oder ummauert. Überall Tore und Warnschilder, dass das Gelände alarmüberwacht ist, Securityservice hier, Securityservice dort und die Hunde, die allseits in den Grundstücken vermutlich nicht gerade ein Sonnendasein führen, blaffen dich an, zerren an den Ketten, blecken die Zähne. Angst, schießt es mir in den Sinn, das ist die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg, die Angst davor, so zu werden wie die Schneckensammler und die Nutten und der Papiersammler jenseits von Valencia, oder noch schlimmer, so zu enden wie das Häufchen Elend vor dem Supermarkt in Puçol, speckig, dreckig, blau geschlagenes Auge, aufgerissene Lippe, demoralisierter Blick, nur er, ein paar Kleider und eine schmutzige Plastikschale für das Geld, ein Bild, das mich zur Vollbremsung nötigte und ich ihm etwas in den Becher warf, sein Blick sich für einen winzigen Moment erhellte, mir klar wurde, du wirst ihn nicht mit allen Mitteln der Welt retten können, genausowenig wie die Nutten und die Schneckensammler und den Papierboy und auch die schweißgebadeten Jogger, die doch eigentlich nur um ihr Leben joggen, um fit zu bleiben, um ihren Job, den sie vermutlich nicht lieben, behalten zu dürfen, der sie nährt, der sie Mittelschicht macht, auch die wird niemand retten. Hamsterrad, schreis laut in den Himmel, niemand wird es hören und wir alle leben darin.

Die einfache Rückkopplungsidee des Herrn Irgendlink ward geboren kilometerweit durch eine Schlucht aus Orangenhainen und vermauerter eingezäunter Fincas radelnd und über den Zusammenhang zwischen Alarmanlagen, Wachhunden und der Angst vorm Abstieg nachdenkend. Mit der einzig plausiblen Antwort, dass was in dieser Gesellschaft stattfindet ein Wettrüsten des Mittelstands gegen den Abstieg ist. Je mehr abgestürzte, bedrohlich wirkende Ex-Mittelständler es gibt, die bitterarm im Dreck vegetieren, desto größer und auch begründeter die Angst vor Dieb und Mord und desto mehr kauft man Alarmanlagen und Wachhunde und schuftet dafür im ungeliebten Job und hält sich seelisch moralisch fit, damit man diesen Job auch behalten darf.

Welch bipolare Welt und du, knabenmorgenkünstchenträumender Typ sitzt auf deinem Bänklein und beobachtest das alles.

Schon möglich, dass du dich irrst.

Tag #41 – Infos aus der Homebase

»Wieder eine Via Verde. 15 km von Puçol bis Valencia«, twitterte Irgendlink heute Vormittag. Und später beschreibt er die östlich von Sagunt liegenden riesigen erschlossenen Grundstücke, die an vierspurigen Straßen brachliegen. »Laternen, Gehwege und nichts.« Aber es radelt sich angenehm, auf den gut ausgebauten Radwegen.

Es ist eine Welt der krassen Gegensätze, die Irgendlink da erfährt. Kontraste, wo hin er schaut. Endzeiteuropa neben pulsierenden Dörfern, wo busweise Touristen in hingekarrt werden,Bootstouren machen, wieder wegfahren.

Kurz nach Cullera hat er nun einen Platz für die Nacht gefunden.

Pano im verlegten Flussbett in Valencia
Pano im verlegten Flussbett in Valencia
Denkmal in Sueca
Denkmal in Sueca

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Apokalyptischer Radler? #Gibrantiago

Ich weiß nicht, ob an der vielzitierten Sache mit dem Frosch und dem kochenden Wasser etwas dran ist, ob der Frosch, wenn man ihn langsam im Topf erhitzt so lange sitzen bleibt, bis er den Hitzetod erleidet, aber wenn man ihn direkt in kochendes Wasser wirft sofort herausspringt. Die Sache passt jedenfalls auf das Thema Schere, das ich vor einigen Blogeinträgen schon einmal aufgegriffen hatte. Die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich, ein simples Abbild unserer Welt. Eine aufgeklappte Schere, bei der die einen auf der einen Spitze hocken und sich die Bäuche vollschlagen, während die anderen auf der gegenüberliegenden Spitze in Hunger und Elend verkommen. Das Bild passt eigentlich auf alles, was mit Wirtschaft und menschlichem Miteinander zu tun hat. Vom ganz kleinen bis ins ganz große. Die Schere verdeutlicht das Auseinanderklaffen des Wohlstands verschiedener Staaten ebenso wie das Auseinanderklaffen des Wohlstands verschiedener Gesellschaftsschichten, ja, man könnte die Schere sogar bis ins Familiäre hineindenken, und letztlich zu dem Schluss gelangen, das ist doch eine ganz natürliche Sache, mal gewinnt man, mal verliert man und was die einen zu wenig haben, das gehört eben den anderen, die es ihnen auf mehr oder weniger ehrliche Weise abgeschwätzt haben.

Wenn wir nicht so hochnäsig wären und uns als Menschen und Gottes Schöpfung, als die von höherer Kraft auserkorenen Herrscher und Hüter der Welt sehen würden, sondern als das, was alles auf dieser Welt ist, ein Stück Natur, das sich im steten Wachsen und Niedergehen in einem gemeinen unbarmherzigen Kampf untereinander und mit anderen Arten befindet, könnte man zu dem Schluss kommen, alles ist in Ordnung mit dieser Welt. Die vielen kleinen Schweineställe etwa mit den abgedichteten Fenstern, die einem schon kilometerweit, je nach Windrichtung, entgegenstinken und aus denen, wenn man ihnen nahe genug kommt, gar erbärmliche qualvolle Schreie kommen, wären in einer Mensch gleich Tier-Welt ohne jegliche Moral vollkommen in Ordnung. Da würde es kein Mitgefühl geben, da müsste man sich nicht in das Wesen anderer Wesen versetzen, es wäre völlig okay, dass es Lebewesen gibt, die ihr Lebtag kein Tageslicht sehen, die dicht an dicht im eigenen Kot gemästet werden, die erzeugt werden, um geschlachtet, kleingehackt in ihren eigenen Darm gepresst, gefressen zu werden. Eine Ware wie du und ich.

Denn wir machen ja mit der Mästerei nicht vor der eigenen Art Halt, wir Menschen. Wir halten uns sozusagen selbst als Massentier, indem wir etwa in Feriensiedlungen wie Nutztiere uns für ein geringes Geld einmieten und Gewinne produzieren. Alles ist durchgeplant. Kollektiv gebe wir unser Okay, indem wir die auf solch üble Weise produzierten Waren kaufen und konsumieren.

Hätte ich in Oropesa bloß besser aufgepasst. Gerade habe ich eine halbe Stunde lang das schwer bepackte Fahrrad eine exorbitante Steigung, sagen wir einmal zwanzig, fünfundzwanzig Prozent hinaufgeschoben, treu dem GPS-Track der Mittelmeerroute folgend, da sehe ich vom Mirador, vom Aussichtspunkt, aus einen schönen, flachen Weg unten am Meer. Eine hunderte Meter lange Treppe führt hinunter in die Bucht und der Weg sieht aus wie ein Bahntrassenradweg. Und er entpuppt sich, zwanzig, fünfundzwanzig Prozent steil weiter unten auch als solch einer. Irgendwo in Oropesa muss er begonnen haben, führte vermutlich durch einen Tunnel und ich habe ihn übersehen. Egal. Den Rest der Strecke radele ich durch tief in den Fels gehauene Schluchten bis nach Benicàssim, mehr noch, die Radwege führen einfach weiter, zwar entlang der Straße, aber vorbildlich ausgestaltet mit Kreisverkehrdurchquerungen und Wegweisern und allem Pipapo bis nach Castellón. Die Gegend scheint ein wahres Radlerparadies. Man sollte alle spanischen Radwegebauer nach Benicàssim, Oropesa, Castellón in die Schule schicken.

Regen in Castellón. Raus aus Castellón. Der Radweg folgt offenbar einer alten religiösen Route in Richtung dreier Eremitagen oder Kirchen, wenn ich die Schilder richtig deute. Und mitten hinein in die Orangengegend. Tausende, Abertausende, Millionen Orangenbäume, kleine grüne Bubiköpfe, manche davon in voller Blüte. Herrlich, dieser Duft. Wären da nicht die Aschehaufen alle paarhundert Meter, von denen manche noch glühen und dampfen. Direkt am Straßenrand. Man erkennt die Überreste von Möbeln, Kunststoff, Paletten, Sperrmüll. Neben manchen stehen Stühle, mal sogar ein Sofa, als mache man es sich neben den Feuerchen gemütlich. Wozu? Nachmittagssiesta. Dicke Autos, Mercedes, VW, Kleinlaster, und ganz normale Minitransporter aus dem Hause Peugeot oder Renault passieren mich. Ein Touran schneidet mich, direkt neben einer Pfütze, wie Schmutz komme ich mir vor, als die ersten Nutten auftauchen. Neben den Feuern sitzen oder stehen oder staksen sie in ihren Hotpants und den Strumpfhosen und den hochhackigen Schuhen, palavern miteinander, lassen sich beschauen aus den Autos wie Fleisch, das man auf Trichinen untersucht, vier, fünf Kilometer weit raus aus Castellón und das Ganze inmitten allen Grüns, das nie zu enden scheint bis hinüber nach Burriana und auch dort geht der grünste Straßenstrich der Welt offenbar noch weiter, obschon bei dieser Kälte und dem Mieswetter und außerhalb der Erntesaison kaum Freier kommen. Ich stelle mir die Abende im Hochsommer vor, wenn hier ordentlich was los ist. Da wäre es mir ganz anders, mulmig, dreckig, obszön und an allen Hauswänden und Mäuerchen steht gesprayt Putas con Sida, Nutten mit Aids. Wie Hohn ragt in regelmäßigen Abständen ein feinsäuberlicher katholischer Heiligenschrein am Wegrand.

Erst nach Montcofa, das wie ausgestorben wirkt, bessert sich die Straßenstrichlage. Plötzlich Stille. Kaum ein Auto. Nein, gar keine Autos auf einer nagelneuen Straße, die nach Sagunt führt. Links kann man das Meer hinter verlassenen Appartementssiedlungen rauschen hören. Überall hängen Zu Verkaufen-Schilder, manchmal auch verzweifelte Zu Vermieten-Notrufe. Vorsaisonal ausgestorben. Da, ein Kind auf einem Fahrrad in einem leeren Spielgelände, ein gebückter Mann, woher, wohin. Ich komme mir vor wie in einem Endzeitfilm, ach was, das ist die Endzeit. Ist das das Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase, von dem mir @hagengraf und @christinegraf erzählten? Nahe Valencia, sagten sie. Könnte hinhauen. Könnte aber auch sein, dass es hier im Sommer heiß hergeht. Immerhin sind die Anlagen bestens gepflegt. Die Überreste einer Massenpleite stelle ich mir anders vor. Dennoch lasse ich der Phantasie ihren Lauf. Könnte so unsere Welt enden, wenn der menschliche Nutztiermarkt dereinst zusammenbricht?

Ich weiß es nicht. Ich beobachte nur, beobachte die Gerippe einst blindwütigen Baubooms, bis tief hinein in die Innereien der Zementindustrie, des Versicherungswesens. 

Was bleibt sind kahle Bauten, umgeben mit Stahlgittern, für immer heruntergelassene Rollläden, verwildernde Gärten, Alarmanlagen, hie und da der Kleinwagen eines hoffnungslos überforderten Securityservice, der argusäugig durch leere Straßen kurvt. Vielleicht irre ich und im Sommer sieht das hier alles anders aus.

Als ich das Nachtlager neben einer Grünbfallhalde aufbaue, wird mir klar, dass ich ein Teil der Schere bin, die ich zu Beginn dieses Artikels zitierte, dass ich hierher gehöre, als gestrandeter Europenner inmitten gelebten Lebens. Dass ich auf dem ärmeren Teil der Schere sitze, wurde mir schon in den Vogesen klar, wo ich mir die winterlichen Übernachtungen in Hotels oder Pensionen nur dank großzügiger Spenden leisten konnte. Im Laufe der Reise verdichtete sich dieser Frosch-Heißwasser-Gedanke, dass ich ein Frosch bin, den man nach jahrelanger Abstinenz vom Markt in ein überhitztes Etwas aus hohen Preisen gibt; wäre ich jedes Jahr mit dem Fahrrad durch Europa gekurvt und hätte immer brav gezeltet, würde ich mich über Zeltplatzpreise von fünfzehn zwanzig Euro bestimmt nicht wundern, aber zwischen einem Preis von sieben Franc auf dem -zugegeben, das war eine Absteige – Zeltplatz in Feurs/Frankreich im Jahr 2000 und 25 Euro vorgestern am Eukalyptusstrand … verflixt wie heiß.

Tag #40 – Infos aus der Homebase

Ob die Schnecke, die an seinem Schuh herumgekrochen ist, geahnt hat, in welcher Gefahr sie schwebte, fragte sich Irgendlink heute Morgen, als er bei Nieselregen das Zelt verlässt. Es regnete den ganzen Morgen. Bei einem frühen Frühstück in Torreblanca und einer Blogsession im Stadion von Oropesa wartet er den Regen ab und radelt später weiter. Auf einem Stück Via Verde, das auf einmal aufhört.

Ziemlich steil geht es bergan, doch die Aussicht lohnt sich. Und danach tut sich wunderbarerweise ein Radweg vom feinsten auf: »Von Oropesa bis Castellón nur Radweg. Ich kann das Glück kaum fassen.«

Bankster-Graffiti in Benicàssim
Bankster-Graffiti in Benicàssim

Zugemauert
Zugemauert in Castellón: Du kommst hier nicht rein!

Foto 2l
Maurerkunst in Castellón

Foto 3l
Skulptur in Castellón

Foto 4l
Eine Flussdurchquerung ohne Fluss hinter Castellón

Foto 5
Tennisclubheim bei Xilxes
Und nun baut er hier (siehe Bild) sein Zelt auf. Hat eben alles seine Vor- und Nachteile.

Eine Grünabfalldeponie schützt gut vor Wind - und stinkt nicht nach Diesel.
Eine Grünabfalldeponie schützt gut vor Wind. Und sie stinkt nicht nach Diesel.
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Costa del Zugebaut #Gibrantiago

Noch immer klebt die Erinnerung an dem kleinen grünen Boot auf fahlgrauer See. Zwischen zwei Häusern in Vinarós blitzte es für eine Pedalumdrehung und korrespondierte mit dem Dunkelgrün zur Rechten, eine Melange aus Oliven- und Orangenbäumen, denen sich ein bisschen Ocker von der allseits vorhandenen körnigen, kieseldurchsetzten Erde beimischte. Nachdem man das pottebene Ebroschwemmland verlassen hat, findet man sich eingekeilt zwischen Bergen und Meer wieder, besser gesagt eingekeilt zwischen Bauwerken jeglicher Art. Ein Zementwerk unterbricht jegliche kleinere Straße. Mit Förderbändern hat es zwischen dem Berg, den es abbaut, und dem Meer auf hunderten von Metern alle Verkehrswege abgeschnitten, ausgenommen der Bahnlinie und der N-340, auf der zig Laster und Autokolonnen dahinbrausen. Für zwei, drei Kilometer kurbele ich auf dem Seitenstreifen, relativ sicher zwar, aber schönes Radeln ist das nicht. Kurz vor Vinarós kann ich wieder auf die kleinen Ackerwege ausweichen, die meist geteert sind und ein gutes Vorankommen ermöglichen. Ein Passant erklärt mir, dass ich ein weiteres Stück N-340 sparen kann, wenn ich den Strandweg nehme, auf dem auch der Wanderweg Nummer 8 verläuft, dem die Radroute öfter folgt. Ich müsse nur einen Fluss durchwaten. Knöcheltief sei er und er zeigt es mir an seinem Bein, oder ich soll die Zapatos, die Schuhe, einfach ausziehen, doch das ist gar nicht nötig, stelle ich am Fluss fest. Er ist fast versiegt. Es genügt ein großer Schritt und ich bin drüben, wo das Radel aber eine Treppe hinauf gewuchtet werden muss, um auf holpriger Piste die letzten paar Kilometer bis Vinarós zu meistern.

Ab dort ist die Küste via Benicarló bis nach Peñiscola vollständig zugebaut. Ein Hotel am anderen, Appartementsiedlungen, genannt Urbanization, Zerfall und Bewuchs in Tateinheit. Vieles ist zu verkaufen. Campingplätze verwildern, nur wenige haben sich gehalten. Ein Alabasterladen, für immer geschlossen, ein verwahrlostes Grundstück mit einem Schild ‚Se Vende‘, zu verkaufen, der Camping Castro neben dem Camping Mare Nostrum neben Mülltonnen, neben Schutthaufen, dazwischen ein bisschen urwüchsige Natur, dicht gefolgt von gepflegten Orangenhainen, und immer wieder Urbanization soundso, alarmgesichert, mit automatischen Eisentoren, die den gesamten Ferienkomplex abriegeln.

Hinter Peñiscola ist dann plötzlich Schluss mit Zivilisation, mit Menschenplage. Nur noch ein, zwei Urbanizationen stehen wie eingemeißelt in der Urwüchsigkeit des Naturparcs der Sierra Irta. ‚Zelten verboten‘-Schilder stehen am Eingang zu einer fünfzehn Kilometer langen Bergstraße, die so holprig und steil ist, dass ich ab und zu schieben muss, gut anderthalb Stunden brauche bis zur nächsten Stadt. Zelten wäre in dem unwegsamen Gelände ohnehin kaum möglich. Vielleicht verdankt der Naturpark seine Existenz einzig und alleine dem Platzen der Immobilienblase, frage ich mich. Oder es liegt daran, dass es auf dem Küstenstück nur drei winzige, etwa 100 Meter breite Sandbuchten gibt. Wer weiß.

Außerhalb des Städtchens Alcossebre meide ich den Fun-Campingplatz, obwohl auf großen Schildern immer wieder steht, dass Wildzelten auf dem ganzen Stadtgebiet verboten ist. Der Camping schien mir laut und hektisch und zu durchorganisiert, als dass ich mich dort wohl gefühlt hätte, so ackere ich im Nieselregen weiter die Küste entlang und überlege, was das ist mit den Menschengesetzen, in wie weit man sie hinterfragen muss, sie gar missachten, zwei, drei Wohnmobile parken direkt am Strand, es ist anzunehmen, dass die Leute dort die Nacht verbringen, obwohl es verboten ist, und so wittere ich eine Art Eigennutz, auch das darf man bei aller Gutgemeintheit von Gesetzen nicht übersehen; oft werden sie von Interessengemeinschaften gemacht, um die Welt in die Bahnen zu lenken, die ihnen zum Wohle dienen. Vebiete Wildzelten und zwinge die Leute auf deine Campings, knechte sie in deinen Hotels, mäste sie in deinen Restaurants. Ich weiß, das ist übertrieben und gesehen auf die Hochsaison wäre Camingwildwuchs definitiv eine Katastrophe. 

Vorbei an einer Disco namens Túnel, die direkt am Strand liegt, an einer gottverlassenen abgeschiedenen Straße, und ich mich frage, wie es wohl hier im Sommer zugeht, Disco und Party am Strand, wo parken all die Leute, das Kaff besteht nur aus zwei, drei Häusern und einer Eremitage, so kurbele ich daran vorbei und nach ein, zwei Kilometern durch eine erstaunlich verlassene Gegend mit verkommenen Orangen- und Olivenplantagen finde ich in einem Feldweg einen guten Platz direkt neben einem uralten Olivenbaum. Frau SoSo hatte gestern das Bild nebst Fahrrad in den Tagesnews gezeigt.

Nun sitze ich auf der Konzertbühne in einem Park bei Oropesa, wo kilometerweit der Strand zugebaut ist. Bei einem der zehnstöckigen Gebäude habe ich einmal die Appartementszahl auf 200 geschätzt mal vier Personen mal dreißig von den Dingern und im Wochenrhythmus wechselt die Belegung, wie viele Menschen werden in dieser modernen Mastanstalt wohl pro Saison durchgeschleust?

Ich glaube, hier in der Gegend stand die Bauruine, in der ich mit meinen Reisegefährten Krüger und Leb zwei Tage Sturm abgewartet hatte. Das Land war leer, nun stehen hier fünf Kilometer weit die Hotels. Es ist viel geschehen in den letzten 25 Jahren. Mir drängt sich mehr und mehr der Gedanke auf, dass wir Menschen eine Plage sind für das System Erde.

Tag #39 – Infos aus der Homebase

Heute Morgen hat es geregnet und die frisch gewaschenen Kleider mussten feucht verpackt werden. Doch später hielt sich der Regen zurück und Irgendlink kam gut voran. Nun ja, die N 340, die er eine Weile fuhr, hat ihn dann doch zu sehr genervt. Mehr LKW als je zuvor.

Die Flucht auf Uferwanderwege war der logische Schritt. Und ja, dort ging es zuweilen im Schritttempo voran. Schiebend oft, langsam fahrend meistens. Furten überquerend, das Radel treppaus, treppab hebend … Dafür hatte er Ruhe. Und die Strecke sieht, will man den Bildern glauben (und das will ich), grandios aus.

Und jetzt das: Ein Nachtlager unter einem gigantischen Olivenbaum!

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Der Weg durch die Pampa
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Mittagspausenplatz
Häuserfronten-Panorama (Benicarlo)
Häuserfronten-Panorama in Benicarló
Eine zig meter lange Hausfront in Vinaros
Eine zig meter lange Hausfront in Vinaros
Blick von Peñiscola nach Benicarlo
Blick von Peñiscola nach Benicarlo
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Mehr Meer
UntermOlivenbaum
Unter einem alten Olivenbaum

Zum heutigen Track bitte hier ⇒ klicken. (Wegen Netz-Unterbrüchen kann die angezeigte Totallänge vom real gefahrenen Wert abweichen.).

Zur klassichen Version der heutigen, ungefähren Etappe bitte hier ⇒ klicken.