Sierra del Räumungsverkauf #Gibrantiago

„Elf Blätter brauchen wir noch, Marietta, elf Blätter und ein bisschen Tinte“. Er ging zum Safe, drehte die Kombination, öffnete und nahm einen Umschlag heraus, in dem sich 250 Euro befanden. Der klägliche Rest aus der Barschaft. Wie viele Scheine wohl in den letzten Jahren diesen Safe durchwandert hatten? Sowohl im Lager, als auch in den Kassen und auf den Konten herrschte einst reger Waren- und Geldverkehr. Marietta hätte eigentlich nicht kommen müssen an diesem letzten Tag. Die Übergabe hätte er alleine machen können. Er räumte seine Habseligkeiten vom Schreibtisch, das Bild seiner Familie, einen Wimpel, den er beim Radfahren in Österreich letztes Jahr im Straßengraben gefunden hatte, auf dem geschrieben stand, ‚Geprüfter Radfahrer‘, was auch immer das auf spanisch heißen mochte, sein silbernes Feuerzeug und eine Zigarre, die ihm einst ein kubanischer Kollege geschenkt hatte. Dass er Marietta nun in die Unwägbarkeiten des spanischen Arbeitsmarktes oder besser gesagt Arbeitslosenmarktes entlassen musste, tat ihm besonders weh.

Auf dem Laptop schickte er elf Dateien an den Drucker und druckte drei i, ein L, ein ó, ein q, ein a, ein n,ein d, ein u und ein t in fetter schwarzer Schrift je auf ein Blatt. Als Marietta die Blätter brachte, drückte er ihr den Umschlag in die Hand und bedankte sich. Er unterdrückte die Tränen.

Mit Klebestreifen befestigten sie die Blätter gemeinsam an der getönten, riesigen Scheibe die nur eine von vielen war an dem knapp sechzig Meter langen Möbellager mit Schauraum und Büros. Es würde ein warmer Frühlingstag werden. Der Westwind brachte klares Wetter und Sonne.

Er ließ sich in seinen Drehstuhl fallen, legte die Füße auf den Schreibtisch, was er sonst nie tat, und schaute nach draußen, wo gerade ein schwer bepackter Reiseradler vorbeiradelte, der neben den üblichen wasserdichten Packtaschen vorne und hinten noch ein großes grünes Paket der spanischen Post auf dem Gepäckträger mitschleppte.

Ich.

Schon an der Küste hatte ich überlegt, dass es langsam an der Zeit ist, die Winterklamotten und einiges anderes überflüssiges Zeug mit der Post nach Hause zu schicken. Da kommt mir die Correjos, so heißt in Spanien die Post neben einer Bäckerei, in der ich mich mit Brot und Leckereien eindecke, gerade recht. Schon habe ich ein Faltpaket für Drei-Euro-Nochwas erstanden und räume vor der Tür sämtliche Packtaschen leer und stopfe alles Überflüssige in den Karton. Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. An der Tür hängt ein Schild, dass bis 14:30 geöffnet ist. Das Paket von vielleicht sechzig mal fünfunfzwanzig mal sechzig Zentimetern ist beinahe zu klein für all das Zeug und mit einem ‚wird schon nicht so teuer sein‘-Lächeln kehre ich zum Schalter zurück, fülle die Internationalpapiere aus, da tippt mich der Mann am Schalter an und zeigt auf den Preis, 42 Euro, ich falle fast vom Hocker, 42 Euro für drei Kilo Zeugs, das kaum so viel wert ist, wie der Preis fürs Porto. Wenn ich auf zwei Kilo reduziere, sagt der Mann, kostet es nur 20 Euro.

Ich mache eine Drehbewegung mit dem Finget vor der Stirn und sage, da muss ich nochmal nachdenken, pensar, sie wissen und er lächelt und ich schnalle das ganze unnütze Zeug samt Karton auf den Gepäckträger und radele weiter Richtung Villena auf der recht stark befahrenen Straße CV 81. Es gibt zwar auch eine Wanderwegalternative, aber die ist teilweise so holprig, dass es mir den Tag vermiesen würde, da entlang zu ächzen. Zudem fällt die Straße gut zehn Kilometer weit so stark, dass ich mit dreißig Sachen dahinbrause. Alles in allem erträglich. Diese fiesen, unsichtbaren Steigungen! In dem total flach erscheinenden Land, das von runden Bergen weit in der Ferne umringt ist, merkt man gar nicht, dass man sich eigentlich auf einer schiefen Ebene befindet. Ich erinnere mich, dass ich einmal auf der Südseite der Pyrenäen beinahe verzweifelt wäre, als ich solch eine unsichtbare Steigung kilometerweit hinaufkurbelte. Dein Hirn sagt, es ist doch topfeben hier; wegen des Mangels an Anhaltspunkten, kann es die Steigung nicht erkennen.

Nur diese schnurgerade Linie und ich.

Die CV 81 führt weiter bis Yecla, schon überquere ich die Grenze zur Region Murcia. Rechts und links der Straße sind Gewerbegebiete ausgewiesen. Durstiges, von kümmerlichem Gras bewachsenes Land, in dem Schilder stehen, zu verkaufen, 18.000 Quadratmeter für 84.000 Euro, voll erschlossen mit Wasser und Stromanschluss, oder manchmal steht auf den riesigen Tafeln nur eine Quadratmeterzahl und eine Telefonnummer. Je näher ich Yecla komme, desto mehr sind die Grundstücke bebaut. Riesige, zig Meter lange Lagerhallen oder Gewebekomplexe, Glaspaläste, teils zerfallen, teils nicht fertig gebaut, meist zu verkaufen und nach ein paar Kilometern beginnt dann offenbar so eine Art Möbelstrich. Ein Möbellager am anderen, hier die Sofas, da die Betten, dort die Küchen usw., je näher an Yecla, desto sofa, stelle ich fest. Wer zur Hölle braucht so viele Möbel, frage ich mich. Niemand. Niemand mehr, denn an den meisten dieser Hallen hängen Schilder, dass sie zu verkaufen sind, dass sie neueröffnet werden oder wurden, Liquidatión steht in vielen der riesigen einstigen Schaufenster, jeder Buchstabe auf ein einzelnes Blatt Papier gedruckt und mit Tesafilm von innen festgeklebt. Schon in Villena sind mir einzelne Liquidationsschilder aufgefallen, aber hier? Die Sierra de la Liquidatión ist das wohl.

Am Ortsrand von Yecla steht ein überdimensionales Denkmal für die Möbelbauer aus dem Jahr 2004 oder 2001, ich erinnere mich nicht genau an das Datum, das auf der Tafel am Sockel stand.

Die Stadt ist mir unheimlich. Sie wirkt wie ein leergenagter Knochen, an dem einst viel Fleisch war und mir graut davor, die dreißig Kilometer ins Outback westlich der Stadt zu radeln, denn auf das Zelten in einem ehemaligen Industriegelände habe ich gar keine Lust. Einen Campingplatz gibt es nicht. Die Stadt selbst, ich könnte ein Zimmer nehmen, fühlt sich nicht gut an. Gegen 18 Uhr schufte ich mich hinaus Richtung Fuente Álamo (irgendwas mit Á und der Name wird im GPS nicht angezeigt, später recherchieren. → done); das seien 25 Kilometer, sagt mir ein Tankwärter am Ortsrand. Das Sträßchen ist kaum befahren. Es gibt sogar einen Radweg hinaus aus der Stadt, der bis zum streng umzäunten Tennisclub führt. Danach kaum befahrene schiefe Ebene, Landwirtschaft, Wein und Oliven. Einzelne Gehöfte. Ein Hotel außerhalb, aber da habe ich längst ein Wäldchen angepeilt und ächze mit 10 bis 15 km/h die schiefe Ebene hinauf bei wunderbarstem Sonnenschein. Alles passt. Beim Wäldchen finde ich einen Lagerplatz unter Kiefern, halbwegs windgeschützt und nun sitze ich in der Morgensonne auf einem Stein und tippe diese Zeilen. Das Netz fluktuiert mit dem Wind, meist ist hier oben auf 800 Metern Höhe kein Empfang.

Die einfache Rückkopplungsidee des Herrn Irgendlink #Gibrantiago

Jenseits von Puçol nähert sich im Schrittempo eine Kehrmaschine auf dem knallrot angemalten Radweg. Hinter ein paar Bäumen eines Picknickplatzes jault ein Dieselmotor und man hört die Schippen von Bauarbeitern klappern, die – offenbar – dem Minibagger zur Seite stehen und die Feinarbeit leisten. Querab etwas weiter weg spielt das Rückfahrwarngepiepse einer anderen Baumaschine auf einer anderen Baustelle mit in dem Orchester. Sozusagen die erste Geige der Bauarbeit.

Ich habe es mir auf einer Picknickbank gemütlich gemacht und lasse den Radweg an mir vorbei flanieren. Männer und Frauen, Radler und Jogger, sogar Inlineskater sind auf dem fein geteerten Etwas unterwegs. Der Wind treibt müde Plastiktüten dahin. Meine Solarzelle pumpt Energie in das iPhone und in den Pufferakku.

Sie alle rennen, um gesund zu bleiben. Gesund und fit und dem Ideal des geschäftigen Menschen zu gehorchen, vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir leben in einer rennenden Welt, denkt mein Hirn und bastelt am Bild einer sich selbst treibenden Geschäftigkeits- und Wertschöpfungsmaschine. Nur wer sich bewegt, wer fit und gesund ist, der taugt etwas in diesem eigenartigen Perpetuum Mobilé und nur wer schneller wird als die anderen und mithält mit dem Schnellerwerden der anderen, die wiederum mithalten müssen mit dem eigenen Schnellerwerden … hach, welch eigenartige Kettenreaktion, welch teuflisch fatale Rückkopplung, ich sitze still, schäle eine Orange, esse sie. Ein pummeliger Mann radelt auf den Rastplatz. Am Fahrrad hat er ein Radio, scheinbar fest eingebaut, genau wie bei Autos. Jemand muss ihm klar gemacht haben, dass dies ein guter Kauf ist, dass es genau das ist, was er braucht, ein Fahrrad mit Radio und USB, damit er immer seinen Lieblingssender hören kann, wenn er trainiert, vielleicht arbeitet er in einem Büro, vielleicht hatte er kürzlich einen Herzinfarkt und ist jetzt rekonvaleszent, vielleicht ist er schon Rentner?

Aus dem Schatten eines Baums kommt ein anderer Mann daher. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie er am Picknickplatz angefahren ist. Er drückt mir einen Stadtplan von Valencia in die Hand. Das ist nur noch 15 Kilometer entfernt, sagt er und dann kramt er aus seinen Packtaschen weiteres Radlermaterial. Zwei Radlermagazine auf spanisch schenkt er mir und die Visitenkarte eines Radlercafés, da könne ich zum Beispiel das schwer bepackte Europennerradel abstellen und einen Stadtspaziergang machen. Die würden dann auf mein Rad aufpassen. Die Stadt sei voller Schlawiner, armer Leute und es sei gefährlich, das Gepäck unbewacht zu lassen und dann drückt er mir noch eine weitere Visitenkarte in die Hand von einem Radlergeschäft, in dem der beste Monteur der Stadt arbeitet. Dort könne ich auch so eine Presslufthupe kaufen, wie er sie montiert hat. Er demonstriert mir das Warngerät, fast so laut wie eine Autohupe. Sagte er 25 Dezibel oder 250? Ich weiß es nicht mehr. Das Ding ist mit einem Druckschlauch an einer Flasche befestigt, die in den Trinkflaschenhalter passt. Mit einer normalen Luftpumpe und Autoventil pumpt man es auf und hat dann genug Luft, um fünf, zehn, fünfzehnmal zu hupen. Je nachdem wie lange und intensiv.

Manolo, so heißt mein valencianischer Leitengel, ist schon 81 Jahre alt und er fährt jeden Tag die Strecke von Valencia nach Sagunto und wieder zurück. Fünfzig Kilometer. Ich hätte ihn auf höchstens siebzig geschätzt. Radfahren hält jung.

Die Via Verde führt tatsächlich bis hinein in die Großstadt, obschon die Strecke entlang der Hauptstraße und durch zig Kreisverkehre nicht gerade schön ist, bin ich dankbar, nicht mit den Dieselrußkarossen auf einer Piste fahren zu müssen. Auch die Radwegführung in Valencia gelingt  – GPS und Track sei Dank – bestens. Plötzlich bin ich in einer länglichen Oase, mitten in der Stadt. Hatte nicht Manolo erzählt, der Radladen sei direkt am Fluss, aber den Fluss gebe es nicht mehr? Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass der Fluss, der einst durch Valencia floss nach einem katastrophalen Hochwasser kurzerhand umgeleitet wurde und das stillgelegte Flussbett wurde zum Park umgewidmet. So folge ich ein, zwei Kilometer den Radwegen in dem vielleicht hundert Meter breiten Gelände, hindurch unter uralten Brücken, vorbei an Spielplätzen und Skatearenen bis hin zu einem Museumsgelände, auf dem futuristische Gebäude stehen, die aussehen wie das Maul eines überdimensionalen Fischs, Springbrunnen und hunderte Meter lange Wasserbecken, Touristen und Studenten. Die Stadt ist jung, sie lebt, sie pulsiert.

Was habe ich wohl mit dem gestrigen Bericht über die Nutten und Schneckensammler für ein verzerrtes Spanien-/Europabild gezeichnet, mich selbst als apokalyptischen Radler bezichtigt, der den Niedergang eines ganzen Kontinents dokumentiert, aber das stimmt doch gar nicht. Vielleicht ist es ja mit uns Menschen wie im Wald? Wir wachsen auf dem Nährboden verrottender Vorangegangener. Der ersten Generation der Tod, der zweiten die Not, der dritten das Brot und das immer wieder im steten Rund der Generationen? Wohl dem, der in einer Brotschleife geboren wurde, so wie ich, wie wir alle; und das ist aber auch nur die halbe Wahrheit, denn ich sitze obendrein noch auf der richtigen Seite des Mittelmeers, wird mir gerade klar, sitze frühmorgens am Strand in der Nähe von Gandia. Die Sonne powert ordentlich drauflos und die Solarzelle pumpt den Akku voll. Menschen flanieren auf der Strandpromenade und auch die ewig wetzenden Jogger, Hundegassigängerinnen, das Land ist reich.

Eine Front aus Hochhäusern voller Appartements bleckt Richtung Meer, eins von ihnen sieht fast aus, wie ein Inkatempel, wie eine terrassenartige Pyramide. Müllcontainertransporter, emsige Bauarbeiter, ein ganz anderes Bild, als der deprimierende Orangenstrich jenseits von Castellón, als die verhärmten Schneckensammler in der niedergegangenen Gewerbewüste nördlich von Valencia, als der keuchende Junge, der einen riesigen Wagen voller Altpapier entlang der Autobahn schob – ob er das hier im Straßengraben sammelt, habe ich mich gefragt, ob das sein Beruf ist, ob er davon leben kann oder muss?

Vorhin radelte ich kilometerweit durch dicht besiedeltes Gebiet, das heißt, alle paarhundert Meter am Wegrand steht eine kleine Finca umgeben von Orangenhainen. Fast jedes Grundstück ist eingezäunt oder ummauert. Überall Tore und Warnschilder, dass das Gelände alarmüberwacht ist, Securityservice hier, Securityservice dort und die Hunde, die allseits in den Grundstücken vermutlich nicht gerade ein Sonnendasein führen, blaffen dich an, zerren an den Ketten, blecken die Zähne. Angst, schießt es mir in den Sinn, das ist die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg, die Angst davor, so zu werden wie die Schneckensammler und die Nutten und der Papiersammler jenseits von Valencia, oder noch schlimmer, so zu enden wie das Häufchen Elend vor dem Supermarkt in Puçol, speckig, dreckig, blau geschlagenes Auge, aufgerissene Lippe, demoralisierter Blick, nur er, ein paar Kleider und eine schmutzige Plastikschale für das Geld, ein Bild, das mich zur Vollbremsung nötigte und ich ihm etwas in den Becher warf, sein Blick sich für einen winzigen Moment erhellte, mir klar wurde, du wirst ihn nicht mit allen Mitteln der Welt retten können, genausowenig wie die Nutten und die Schneckensammler und den Papierboy und auch die schweißgebadeten Jogger, die doch eigentlich nur um ihr Leben joggen, um fit zu bleiben, um ihren Job, den sie vermutlich nicht lieben, behalten zu dürfen, der sie nährt, der sie Mittelschicht macht, auch die wird niemand retten. Hamsterrad, schreis laut in den Himmel, niemand wird es hören und wir alle leben darin.

Die einfache Rückkopplungsidee des Herrn Irgendlink ward geboren kilometerweit durch eine Schlucht aus Orangenhainen und vermauerter eingezäunter Fincas radelnd und über den Zusammenhang zwischen Alarmanlagen, Wachhunden und der Angst vorm Abstieg nachdenkend. Mit der einzig plausiblen Antwort, dass was in dieser Gesellschaft stattfindet ein Wettrüsten des Mittelstands gegen den Abstieg ist. Je mehr abgestürzte, bedrohlich wirkende Ex-Mittelständler es gibt, die bitterarm im Dreck vegetieren, desto größer und auch begründeter die Angst vor Dieb und Mord und desto mehr kauft man Alarmanlagen und Wachhunde und schuftet dafür im ungeliebten Job und hält sich seelisch moralisch fit, damit man diesen Job auch behalten darf.

Welch bipolare Welt und du, knabenmorgenkünstchenträumender Typ sitzt auf deinem Bänklein und beobachtest das alles.

Schon möglich, dass du dich irrst.

Apokalyptischer Radler? #Gibrantiago

Ich weiß nicht, ob an der vielzitierten Sache mit dem Frosch und dem kochenden Wasser etwas dran ist, ob der Frosch, wenn man ihn langsam im Topf erhitzt so lange sitzen bleibt, bis er den Hitzetod erleidet, aber wenn man ihn direkt in kochendes Wasser wirft sofort herausspringt. Die Sache passt jedenfalls auf das Thema Schere, das ich vor einigen Blogeinträgen schon einmal aufgegriffen hatte. Die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich, ein simples Abbild unserer Welt. Eine aufgeklappte Schere, bei der die einen auf der einen Spitze hocken und sich die Bäuche vollschlagen, während die anderen auf der gegenüberliegenden Spitze in Hunger und Elend verkommen. Das Bild passt eigentlich auf alles, was mit Wirtschaft und menschlichem Miteinander zu tun hat. Vom ganz kleinen bis ins ganz große. Die Schere verdeutlicht das Auseinanderklaffen des Wohlstands verschiedener Staaten ebenso wie das Auseinanderklaffen des Wohlstands verschiedener Gesellschaftsschichten, ja, man könnte die Schere sogar bis ins Familiäre hineindenken, und letztlich zu dem Schluss gelangen, das ist doch eine ganz natürliche Sache, mal gewinnt man, mal verliert man und was die einen zu wenig haben, das gehört eben den anderen, die es ihnen auf mehr oder weniger ehrliche Weise abgeschwätzt haben.

Wenn wir nicht so hochnäsig wären und uns als Menschen und Gottes Schöpfung, als die von höherer Kraft auserkorenen Herrscher und Hüter der Welt sehen würden, sondern als das, was alles auf dieser Welt ist, ein Stück Natur, das sich im steten Wachsen und Niedergehen in einem gemeinen unbarmherzigen Kampf untereinander und mit anderen Arten befindet, könnte man zu dem Schluss kommen, alles ist in Ordnung mit dieser Welt. Die vielen kleinen Schweineställe etwa mit den abgedichteten Fenstern, die einem schon kilometerweit, je nach Windrichtung, entgegenstinken und aus denen, wenn man ihnen nahe genug kommt, gar erbärmliche qualvolle Schreie kommen, wären in einer Mensch gleich Tier-Welt ohne jegliche Moral vollkommen in Ordnung. Da würde es kein Mitgefühl geben, da müsste man sich nicht in das Wesen anderer Wesen versetzen, es wäre völlig okay, dass es Lebewesen gibt, die ihr Lebtag kein Tageslicht sehen, die dicht an dicht im eigenen Kot gemästet werden, die erzeugt werden, um geschlachtet, kleingehackt in ihren eigenen Darm gepresst, gefressen zu werden. Eine Ware wie du und ich.

Denn wir machen ja mit der Mästerei nicht vor der eigenen Art Halt, wir Menschen. Wir halten uns sozusagen selbst als Massentier, indem wir etwa in Feriensiedlungen wie Nutztiere uns für ein geringes Geld einmieten und Gewinne produzieren. Alles ist durchgeplant. Kollektiv gebe wir unser Okay, indem wir die auf solch üble Weise produzierten Waren kaufen und konsumieren.

Hätte ich in Oropesa bloß besser aufgepasst. Gerade habe ich eine halbe Stunde lang das schwer bepackte Fahrrad eine exorbitante Steigung, sagen wir einmal zwanzig, fünfundzwanzig Prozent hinaufgeschoben, treu dem GPS-Track der Mittelmeerroute folgend, da sehe ich vom Mirador, vom Aussichtspunkt, aus einen schönen, flachen Weg unten am Meer. Eine hunderte Meter lange Treppe führt hinunter in die Bucht und der Weg sieht aus wie ein Bahntrassenradweg. Und er entpuppt sich, zwanzig, fünfundzwanzig Prozent steil weiter unten auch als solch einer. Irgendwo in Oropesa muss er begonnen haben, führte vermutlich durch einen Tunnel und ich habe ihn übersehen. Egal. Den Rest der Strecke radele ich durch tief in den Fels gehauene Schluchten bis nach Benicàssim, mehr noch, die Radwege führen einfach weiter, zwar entlang der Straße, aber vorbildlich ausgestaltet mit Kreisverkehrdurchquerungen und Wegweisern und allem Pipapo bis nach Castellón. Die Gegend scheint ein wahres Radlerparadies. Man sollte alle spanischen Radwegebauer nach Benicàssim, Oropesa, Castellón in die Schule schicken.

Regen in Castellón. Raus aus Castellón. Der Radweg folgt offenbar einer alten religiösen Route in Richtung dreier Eremitagen oder Kirchen, wenn ich die Schilder richtig deute. Und mitten hinein in die Orangengegend. Tausende, Abertausende, Millionen Orangenbäume, kleine grüne Bubiköpfe, manche davon in voller Blüte. Herrlich, dieser Duft. Wären da nicht die Aschehaufen alle paarhundert Meter, von denen manche noch glühen und dampfen. Direkt am Straßenrand. Man erkennt die Überreste von Möbeln, Kunststoff, Paletten, Sperrmüll. Neben manchen stehen Stühle, mal sogar ein Sofa, als mache man es sich neben den Feuerchen gemütlich. Wozu? Nachmittagssiesta. Dicke Autos, Mercedes, VW, Kleinlaster, und ganz normale Minitransporter aus dem Hause Peugeot oder Renault passieren mich. Ein Touran schneidet mich, direkt neben einer Pfütze, wie Schmutz komme ich mir vor, als die ersten Nutten auftauchen. Neben den Feuern sitzen oder stehen oder staksen sie in ihren Hotpants und den Strumpfhosen und den hochhackigen Schuhen, palavern miteinander, lassen sich beschauen aus den Autos wie Fleisch, das man auf Trichinen untersucht, vier, fünf Kilometer weit raus aus Castellón und das Ganze inmitten allen Grüns, das nie zu enden scheint bis hinüber nach Burriana und auch dort geht der grünste Straßenstrich der Welt offenbar noch weiter, obschon bei dieser Kälte und dem Mieswetter und außerhalb der Erntesaison kaum Freier kommen. Ich stelle mir die Abende im Hochsommer vor, wenn hier ordentlich was los ist. Da wäre es mir ganz anders, mulmig, dreckig, obszön und an allen Hauswänden und Mäuerchen steht gesprayt Putas con Sida, Nutten mit Aids. Wie Hohn ragt in regelmäßigen Abständen ein feinsäuberlicher katholischer Heiligenschrein am Wegrand.

Erst nach Montcofa, das wie ausgestorben wirkt, bessert sich die Straßenstrichlage. Plötzlich Stille. Kaum ein Auto. Nein, gar keine Autos auf einer nagelneuen Straße, die nach Sagunt führt. Links kann man das Meer hinter verlassenen Appartementssiedlungen rauschen hören. Überall hängen Zu Verkaufen-Schilder, manchmal auch verzweifelte Zu Vermieten-Notrufe. Vorsaisonal ausgestorben. Da, ein Kind auf einem Fahrrad in einem leeren Spielgelände, ein gebückter Mann, woher, wohin. Ich komme mir vor wie in einem Endzeitfilm, ach was, das ist die Endzeit. Ist das das Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase, von dem mir @hagengraf und @christinegraf erzählten? Nahe Valencia, sagten sie. Könnte hinhauen. Könnte aber auch sein, dass es hier im Sommer heiß hergeht. Immerhin sind die Anlagen bestens gepflegt. Die Überreste einer Massenpleite stelle ich mir anders vor. Dennoch lasse ich der Phantasie ihren Lauf. Könnte so unsere Welt enden, wenn der menschliche Nutztiermarkt dereinst zusammenbricht?

Ich weiß es nicht. Ich beobachte nur, beobachte die Gerippe einst blindwütigen Baubooms, bis tief hinein in die Innereien der Zementindustrie, des Versicherungswesens. 

Was bleibt sind kahle Bauten, umgeben mit Stahlgittern, für immer heruntergelassene Rollläden, verwildernde Gärten, Alarmanlagen, hie und da der Kleinwagen eines hoffnungslos überforderten Securityservice, der argusäugig durch leere Straßen kurvt. Vielleicht irre ich und im Sommer sieht das hier alles anders aus.

Als ich das Nachtlager neben einer Grünbfallhalde aufbaue, wird mir klar, dass ich ein Teil der Schere bin, die ich zu Beginn dieses Artikels zitierte, dass ich hierher gehöre, als gestrandeter Europenner inmitten gelebten Lebens. Dass ich auf dem ärmeren Teil der Schere sitze, wurde mir schon in den Vogesen klar, wo ich mir die winterlichen Übernachtungen in Hotels oder Pensionen nur dank großzügiger Spenden leisten konnte. Im Laufe der Reise verdichtete sich dieser Frosch-Heißwasser-Gedanke, dass ich ein Frosch bin, den man nach jahrelanger Abstinenz vom Markt in ein überhitztes Etwas aus hohen Preisen gibt; wäre ich jedes Jahr mit dem Fahrrad durch Europa gekurvt und hätte immer brav gezeltet, würde ich mich über Zeltplatzpreise von fünfzehn zwanzig Euro bestimmt nicht wundern, aber zwischen einem Preis von sieben Franc auf dem -zugegeben, das war eine Absteige – Zeltplatz in Feurs/Frankreich im Jahr 2000 und 25 Euro vorgestern am Eukalyptusstrand … verflixt wie heiß.

Costa del Zugebaut #Gibrantiago

Noch immer klebt die Erinnerung an dem kleinen grünen Boot auf fahlgrauer See. Zwischen zwei Häusern in Vinarós blitzte es für eine Pedalumdrehung und korrespondierte mit dem Dunkelgrün zur Rechten, eine Melange aus Oliven- und Orangenbäumen, denen sich ein bisschen Ocker von der allseits vorhandenen körnigen, kieseldurchsetzten Erde beimischte. Nachdem man das pottebene Ebroschwemmland verlassen hat, findet man sich eingekeilt zwischen Bergen und Meer wieder, besser gesagt eingekeilt zwischen Bauwerken jeglicher Art. Ein Zementwerk unterbricht jegliche kleinere Straße. Mit Förderbändern hat es zwischen dem Berg, den es abbaut, und dem Meer auf hunderten von Metern alle Verkehrswege abgeschnitten, ausgenommen der Bahnlinie und der N-340, auf der zig Laster und Autokolonnen dahinbrausen. Für zwei, drei Kilometer kurbele ich auf dem Seitenstreifen, relativ sicher zwar, aber schönes Radeln ist das nicht. Kurz vor Vinarós kann ich wieder auf die kleinen Ackerwege ausweichen, die meist geteert sind und ein gutes Vorankommen ermöglichen. Ein Passant erklärt mir, dass ich ein weiteres Stück N-340 sparen kann, wenn ich den Strandweg nehme, auf dem auch der Wanderweg Nummer 8 verläuft, dem die Radroute öfter folgt. Ich müsse nur einen Fluss durchwaten. Knöcheltief sei er und er zeigt es mir an seinem Bein, oder ich soll die Zapatos, die Schuhe, einfach ausziehen, doch das ist gar nicht nötig, stelle ich am Fluss fest. Er ist fast versiegt. Es genügt ein großer Schritt und ich bin drüben, wo das Radel aber eine Treppe hinauf gewuchtet werden muss, um auf holpriger Piste die letzten paar Kilometer bis Vinarós zu meistern.

Ab dort ist die Küste via Benicarló bis nach Peñiscola vollständig zugebaut. Ein Hotel am anderen, Appartementsiedlungen, genannt Urbanization, Zerfall und Bewuchs in Tateinheit. Vieles ist zu verkaufen. Campingplätze verwildern, nur wenige haben sich gehalten. Ein Alabasterladen, für immer geschlossen, ein verwahrlostes Grundstück mit einem Schild ‚Se Vende‘, zu verkaufen, der Camping Castro neben dem Camping Mare Nostrum neben Mülltonnen, neben Schutthaufen, dazwischen ein bisschen urwüchsige Natur, dicht gefolgt von gepflegten Orangenhainen, und immer wieder Urbanization soundso, alarmgesichert, mit automatischen Eisentoren, die den gesamten Ferienkomplex abriegeln.

Hinter Peñiscola ist dann plötzlich Schluss mit Zivilisation, mit Menschenplage. Nur noch ein, zwei Urbanizationen stehen wie eingemeißelt in der Urwüchsigkeit des Naturparcs der Sierra Irta. ‚Zelten verboten‘-Schilder stehen am Eingang zu einer fünfzehn Kilometer langen Bergstraße, die so holprig und steil ist, dass ich ab und zu schieben muss, gut anderthalb Stunden brauche bis zur nächsten Stadt. Zelten wäre in dem unwegsamen Gelände ohnehin kaum möglich. Vielleicht verdankt der Naturpark seine Existenz einzig und alleine dem Platzen der Immobilienblase, frage ich mich. Oder es liegt daran, dass es auf dem Küstenstück nur drei winzige, etwa 100 Meter breite Sandbuchten gibt. Wer weiß.

Außerhalb des Städtchens Alcossebre meide ich den Fun-Campingplatz, obwohl auf großen Schildern immer wieder steht, dass Wildzelten auf dem ganzen Stadtgebiet verboten ist. Der Camping schien mir laut und hektisch und zu durchorganisiert, als dass ich mich dort wohl gefühlt hätte, so ackere ich im Nieselregen weiter die Küste entlang und überlege, was das ist mit den Menschengesetzen, in wie weit man sie hinterfragen muss, sie gar missachten, zwei, drei Wohnmobile parken direkt am Strand, es ist anzunehmen, dass die Leute dort die Nacht verbringen, obwohl es verboten ist, und so wittere ich eine Art Eigennutz, auch das darf man bei aller Gutgemeintheit von Gesetzen nicht übersehen; oft werden sie von Interessengemeinschaften gemacht, um die Welt in die Bahnen zu lenken, die ihnen zum Wohle dienen. Vebiete Wildzelten und zwinge die Leute auf deine Campings, knechte sie in deinen Hotels, mäste sie in deinen Restaurants. Ich weiß, das ist übertrieben und gesehen auf die Hochsaison wäre Camingwildwuchs definitiv eine Katastrophe. 

Vorbei an einer Disco namens Túnel, die direkt am Strand liegt, an einer gottverlassenen abgeschiedenen Straße, und ich mich frage, wie es wohl hier im Sommer zugeht, Disco und Party am Strand, wo parken all die Leute, das Kaff besteht nur aus zwei, drei Häusern und einer Eremitage, so kurbele ich daran vorbei und nach ein, zwei Kilometern durch eine erstaunlich verlassene Gegend mit verkommenen Orangen- und Olivenplantagen finde ich in einem Feldweg einen guten Platz direkt neben einem uralten Olivenbaum. Frau SoSo hatte gestern das Bild nebst Fahrrad in den Tagesnews gezeigt.

Nun sitze ich auf der Konzertbühne in einem Park bei Oropesa, wo kilometerweit der Strand zugebaut ist. Bei einem der zehnstöckigen Gebäude habe ich einmal die Appartementszahl auf 200 geschätzt mal vier Personen mal dreißig von den Dingern und im Wochenrhythmus wechselt die Belegung, wie viele Menschen werden in dieser modernen Mastanstalt wohl pro Saison durchgeschleust?

Ich glaube, hier in der Gegend stand die Bauruine, in der ich mit meinen Reisegefährten Krüger und Leb zwei Tage Sturm abgewartet hatte. Das Land war leer, nun stehen hier fünf Kilometer weit die Hotels. Es ist viel geschehen in den letzten 25 Jahren. Mir drängt sich mehr und mehr der Gedanke auf, dass wir Menschen eine Plage sind für das System Erde.

Die Straße nach Gibraltar #Gibrantiago

Manchmal ist es schwierig, die ersten Worte für einen Blogartikel in diesem live geschriebenen Buch zu finden. Beginne ich mit dem Wummern nördlich des Zelts, das irgendwann nachts begann und sich so anhört, als würde ein Bundeswehrhubschrauber Übungen durchführen, alleine, es fehlt das unruhige Hin und Her in der Luft? Oder mache ich einen Ausflug in die Vergangenheit und erzähle von meinem ersten Ebrodeltaerlebnis, jener Nacht nahe Deltebre direkt am Fluss, als wir von einem Rascheln unter dem Zelt geweckt wurden und als wir nachschauten, entpuppte sich das Tier, es ist dringend zu empfehlen, es sich als putzige kleine Maus vorzustellen, als langsam aus seinem Loch kriechender Hummer (oder Flusskrebs, was weiß ich), müde ging er auf die Jagd.

Gestern habe ich auf Twitter einmal versucht, die Geschichte meiner Gibraltarreisen zu rekonstruieren. Ich erinnerte mich, dass ich die erste ‚Expedition‘ alleine startete. Kurz nach dem Zivildienst in einem nebligen November in der Nordpfalz. Ich hatte die Taschen voller Entlassungsgeldmillionen, und vier Monate Zeit, um mein unterbrochenes Studium wieder aufzunehmen (damals gab es noch die Wehrpflicht/Zivildienst, der Kalte Krieg lag in den letzten Zügen).

Als ich im kleinen Nordpfalzdorf bei dichtem Nebel startete, schimpfte mich eine alte Frau voran mit den (mehr zu sich selbst, aber laut genug gesprochenen) Worten ‚Der spinnt doch‘.

Die Reise ging als meine kürzeste Langstreckenradtour aller Zeiten in die Geschichte ein. Schon am Abend rief ich meine Mutter an und sie holte mich mit dem Familienkombi in der Südpfalz wieder nach Hause. Die Vorweihnachtszeit lässt die Menschen kollektiv nähebedürftig werden, schürt den Wunsch nach warmen Öfen, Lichterglanz, Harmonie, Frieden und Heimeligkeit. Damals konnte ich mich diesem Stimmungsmainstream nicht entziehen und auch heute würde es mir schwer fallen, in die Weihnachtszeit hinein eine eiskalte Radelexpedition alleine zu starten.

Im Januar 1990 startete ich den nächsten Versuch. Ich weiß noch genau, wie ich am dritten Tourtag mit meinem peruanischen Zimmernachbarn den Frühstücksraum der Jugendherberge Kehl betrat und der Jugendherbergszivi uns mit den Worten ‚Es ist Krieg‘ begrüßte.

Die Reise führte via Breisach nach Basel und von dort per Zug nach Genf, auf erbarmungslos kalten französischen Landstraßen ins Rhônetal über Vienne bis ans Meer. Den Via Rhôna Radweg gab es vor 26 Jahren noch nicht. Ich radelte über die ehemalige N86 auf der rechten Rhôneseite, die wenig befahren war.

Im Starkregen jagte mich ein Rudel Hunde nach Sète, wo ich versuchte, eine Fähre nach Marokko zu kriegen, um dem Wetterelend zu entrinnen, scheiterte und mich in der Jugendherberge einquartierte. Die Tour wäre an diesem Tag zu Ende gewesen, wenn nicht zwei weitere deutsche Radler dort einquartiert gewesen wären. Krüger und Leb, mit einem ähnlichen Vorhaben, die auch versucht hatten, eine Fähre nach Marokko zu finden. Dabei hatten sie die Rezeptionsöffnungszeit verbummelt und mussten einen Tag länger bleiben. Nur so konnten wir uns kennenlernen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Mit Leb bin ich noch immer befreundet.

Gemeinsam radelten wir an der Küste weiter und schaffen es bis kurz vor Castellon. Dort tobte ein mehrtägiger Sturm. Zwei Tage lagerten wir in einer Bauruine. Als wir weiterradelten, hatte Krüger einen massiven Hinterradschaden. Sturmumtost und beregnet standen wir am Straßenrand und es schien keine Hoffnung zu geben, dass wir ohne Schieben weiterkommen. Leb hielt den Daumen raus. Das erste Auto stoppte. Ein Kleintransporter, am Steuer eine Englischlehrerin und ihr Mann. Sie packten uns samt Rädern ins Auto und brachten uns zum Bahnhof in Castellon.

Wetter und Panne hatten uns so arg zugesetzt, dass wir die Reise in Castellon beendeten. Krüger und Leb trampten zurück und ich nahm wieder das Taxi Mama und Papa in Anspruch, das nahe Calpe in einer Ferienwohnung auf mich wartete.

In den 1990er Jahren gab es noch einen weiteren Versuch, nach Gibraltar zu radeln, gemeinsam mit meiner Freundin I. Es muss in einer Weihnachtszeit gewesen sein, entweder 1990/91 oder 1992/93? Ich erinnere mich, dass wir nach dem ersten Tourtag mit völlig verschlammten Schuhen auf dem Weihnachtsmarkt in Speyer drei Bettlern begegneten, die auf uns einredeten, ‚könnt ihr doch nicht machen, mit solchen Schuhen hier auftauchen, die Schuhe sind das Wichtigste‘, wie drei Heilige aus dem Morgenland kamen sie mir vor. Diese Reise endete in Peñiscola. Mit in Mülltüten als Handgepäck verpackten Fahrrädern kehrten wir per Zug zurück nach Basel.

Ab dem Jahr 2000 hatte ich meine Reisegewohnheiten geändert und die Kunst hatte Einzug gehalten im Hause Irgendlink. Das Ziel war nicht mehr so wichtig, sondern die Kunstproduktion unterwegs und der Genuss. Unter dem Stichwort ‚Zweibrücken-Andorra‘ sind zwei Reisen im Internet dokumentiert, die auf wenig befahrenen Departementsstraßen Frankreich von Nord nach Süd durchqueren. Der Weg wurde in zehn Kilometer Abständen als sogenannte Kunststraße dokumentiert, so wie es auch auf der jetzigen Reiseroute der Fall ist.

Gerade stoppe ich das schwer bepackte Reiserad. Der Wind steht schräg gegen mich aus Süden. Die Sonne brennt. Eine Kette hölzerner Strommasten links der Straße führt das Auge streng Richtung Horizont. Die Leitungen summen im Wind. Die Luft ist schwer und sie schmeckt nach Salz und nach Kräutern und nach Blüten und es ist ihr ein bisschen Staub beigemischt, den ein Traktor fernab in den hellbraunen Äckern aufwirbelt. Hellblau und braun sind die dominanten Farben. Ab und zu hebt sich ein Haus, das nächste Dorf, El Muntell, ist nur schemenhaft zu erkennen. Hier gibt es eigentlich nichts, als Horizont, Himmel, Erde und mittendrin ich, so verloren, so verbissen die Kunststraße fotografierend. Um die 240 Mal schon habe ich in zehn Kilometer-Abständen das Radel gestoppt, um die Straße zu fotografieren, genau wie Google das 1995 von mir abgeguckt hat und das System mittels millionenschwerer Technik perfektioniert hat. So denke ich manchmal, wenn ich über die Kunststraßenfotografie nachdenke. Ich habs erfunden und Google hat es im Netz entdeckt und nachgemacht. Aber das stimmt wahrscheinlich nicht. Viel wahrscheinlicher ist, dass die Idee so normal ist, dass auch andere Leute darauf kommen, wie ich sowieso denke, dass Ideen ihre Zeit finden und dann gedacht werden und dann realisiert werden und dass es viele verschiedene Menschen sind, die zu ähnlicher Zeit ähnliche Ideen haben, weshalb, so mein trauriger Rückschluss, das Urheberrecht eigentlich kleingeistiger Quatsch ist, denn Ideen, die kollektiv in verschiedenen Köpfen entstehen, könnten auch verschiedene Wachstumsformen ausbilden. Das heißt, wenn per Menschengesetz einer als Urheber einer Idee bestimmt wird, wird allen anderen, die eine ähnliche Idee haben (oder eine Idee weiterentwickeln wollen) das Wachstum ihrer Idee untersagt.

Okay, es ist natürlich auch ein Problem, dass es genügend Ideendiebe gibt. Übel im Kerngehäuse des Menschseins.

Ich schweife ab. Hinter dem Traktor hat sich eine Schar weißer Vögel versammelt, die die frisch aufgerissene Erde nach Nahrung durchwühlen. Vorne links zeichnet sich ein Wäldchen ab. Ist das der berühmte Eukalyptusstrand,von dem mir gestern der Berner Radler Stefan erzählte, er sei eine Mogelpackung, den Eukalyptusstrand gibt es gar nicht, da stehen nur ein paar Bäume und es ist viel Sand dort?

Noch fünf Kilometer bis dahin.

Die Reiseroute habe ich morgens spontan geändert, eigentlich könnte ich schon längst Richtung Castellon unterwegs sein, aber ein Radwegschild lockte mich ab Tortosa ins Ebrodelta. Ich bereue das nicht. Der Radweg führt über geteerte Feldwege in einem Zickzack-Kurs bis zur Ebromündung. Die Gegend ist wunderschön. Schon stelle ich mir vor, dass auf den Feldern bald Reis wachsen wird, dass sie sie irgendwie fluten, quadratkilometerweit, aber wie das vonstatten gehen soll, kann ich mir nicht vorstellen, da ereicht mich per Twitter eine Botschaft von @RecumbentTravelling, er sei 2004 hier durchgeradelt und überall wuchs Mais.

Ich könnte fragen, was hier angebaut wird. Am Eukalyptusstrand steht jedenfalls ein Schneckenpumpwerk, mit dem man gewiss etliche Tonnen Wasser abpumpen könnte.

Der Eukalyptusstrand erweist sich als die Mogelpackung, die mir Stefan prognostiziert hatte. Es gibt eine Urbanisation, eine Feriensiedlung, und einen Campingplatz, der tatsächlich von Eukalyptusbäumchen bewachsen ist. Aber der kilometerweite Strand, an dem die Bäume haushoch bis ans Wasser wachsen, der in meiner Vorstellung existierte, platzt mit unhörbarem Pöff.

Der Strand ist trotzdem großartig. Hunderte Meter breit, zig Kilometer lang. Zwei fahrbare Pisten sind angelegt, auf denen sich monströse Vierradfahrzeuge tummeln. Blechgewordene Männerphantasien mit hochgelegtem Luftansaug zum tief ins Wasser fahren und sie tummeln sich wie junge Hunde, balgen sich, fahren Rennen, ziehen Kreise, malen Spuren im Sand. Das spanische Männlein in Action.

Auf dem Camping quartiere ich mich trotz des hohen Preises von 24 Euro ein. Der Platz steht in vollkommener Kapitalisierung. Es gibt nichts, was nichts kostet. Strom am Platz 4,10 Euro, einmal Handy an der Rezeption laden siebzig Cent, fehlt noch, dass man am Handwaschbeckenföhn Münzen einwerfen muss, oder sich für einen Cent pro Blatt Klopapier aus einem Automaten ziehen kann.

Ich kaufe mich frei. Einfach um mal wieder einen Tag Ruhe vor Hunden und Lagerplatzsuchstress zu haben. Duschen und Waschen wäre auch nicht übel.

Und der Hubschrauberlärm? Es könnten Fischerboote gewesen sein. Nun herrscht jedenfalls Stille.

Perspektive #Gibrantiago

Dunkelheit. Kühle Luft. Die Wände werfen das monotone Rattern der Kette zurück. Ich pfeife. Die Reifen machen ein Geräusch, als würde man mit hoher Frequenz Luftpolsterfolie zerquetschen. Der Radweg ist nicht gerade superglatt geteert, aber von dem, was ich bisher in Spanien an Radwegen erlebt habe, hebt er sich angenehm ab. Kilometerweit schon radele ich durch eine unglaublich schöne Landschaft, die von Gebirgszügen eingerahmt wird. Kahle, hellbraune bis graue Felsen mit Tupfern aus Pinienwäldern, davor sattes Frühlingsgetreidegrün, dann wieder terrassenartig angelegte Olivenhaine und auch erste Orangenplantagen mit glänzenden aufdringlich grünen Blättern. Manche der etwa zwei Meter hohen Bäumchen tragen Orangen, andere Blüten, an wieder anderen hängt nur noch die ein oder andere Orange und der Rest liegt, aus unerfindlichem Grund, unterm Baum auf dem Boden.

Die Via Verde im Val de Zafán, ich weiß gar nicht mehr, wann ich erstmals von ihr gehört habe, es ist bestimmt fünf Jahre her, und seither träume ich davon, auf diesem alten Bahntrassenradweg zu radeln. Über Viadukte und Tunnel führt er von Tortosa hinauf nach Alcaníz, so zumindest sah das aus auf der Webseite, die ich einst anschaute. Gut achtzig Kilometer weit vom Meer Richtung Madrid.

In Valdeltormo beim alten Bahnhof stoße ich auf die Route und der erste Mensch, dem ich an dem verlassenen, alten, zerfallenen Bahnhof begegne ist Stefan, ein Schweizer. Er radelt eine Vuelta, sagt er, eine Radrunde, ist seit Barcelona hier in der Ebrogegend unterwegs, nein, das Ebrodelta zu besichtigen lohnt sich nicht, der Eukalyptusstrand ist eine Mogelpackung, da gibts nur einige wenige Eukalyptusbäume, enttäuscht er mich, und er spreche perfekt spanisch, aus Bern kommt er, war bis vor Kurzem Eisenbahningenieur und nun ist er in Rente.

Wir verabschieden uns, treffen uns später wieder, an einem weiteren verlassenen Bahnhof. Ein paar Picknickbänke stehen da. Sonst herrscht Stille. Ab und zu andere Radler. Ein Mann aus den Pyrenäen, der nach Malaga radelt, mit viel Gepäck. Ich zeige Stefan ein paar Blätter, die ich im alten Bahnhof von Fabara mitgenommen hatte. Zu hunderten lagen sie in der alten Lagerhalle, in die man eingebrochen und alle Möbel und Regale zertrümmert hatte und die Wände mit Graffities verziert. Das Blatt ist von 1976 und es sei eine Anweisung, wie man mit Fracht zu verkehren habe, erklärt mir Stefan.

Zwei Männer mit quietschgelben Warnwesten ackern von der Küste herauf. Beeindruckende Räder. Stefan ist sofort Feuer und Flamme für die Technik. Roloff-Nabenschaltung, Titanrahmen und SOLCHE Schlappen. Die Bereifung ist auf alle Fälle besser spaniengeeignet, als meine 28 Zoll-Kümmerlinge. Dennoch, ich darf nicht klagen.

Die beiden kommen aus Belgien. Wie wir den reden sollten, fragt Stefan, französisch wäre besser, sagt der eine Belgier und Stefan redet munter weiter auf Deutsch auf die beiden ein, beäugt die Fahrradtechnik, die voluminösen superwasserdichten Packtaschen, während ich danebenstehe und einfach nur staune ob des plötzlichen Reiseradleraufkommens. Viele Tunnel gebe es da unten, sagen die Belgier und sie zeigen ihren Reiseplan, der sie von Girona am Meer entlang hierher geführt hat und durchs Landesinnere nach Malaga lotst, wo sie am 20. April ihren Rückflug haben. Die beiden haben gezielt einige Vias Verdes in die Tour eingebaut, unter anderem die wohl längste, die in der Stadt Jaen beginnt und bald hundert Kilometer lang ist, wenn ich mich recht erinnere.

Die Val de Zafán mündet nach etwa dreißig Kilometern in die Via Verde del Terra Alta, die am Ebro in die Via Verde Baix Ebre mündet. Alles klar?

Im Grunde handelt es sich um eine einzige alte Bahntrasse, die einst gebaut wurde, um die Kohleminen im Landesinnern mit dem Meer zu verbinden.

Ich folge der Trasse bis fast nach Tortosa, wo sie offiziell endet. Und erlebe eine der wohl atemberaubendsten Radlerstrecken, die ich jemals gereist bin. Versuchte ich anfangs noch, die Tunnel zu zählen, die man durchradelt und die Viadukte, muss ich nun im Nachhinein schätzen, dass es etwa vierzig Tunnel waren und vielleicht dreißig Viadukte auf den gestrigen siebzig Kilometern. Die Tunnel sind bis knapp einen Kilometer lang. Ich schätze, dass ich unter Tage etwa acht Kilometer verbracht habe.

Und der Clou an dem Ganzen, ich habe ein wuchtiges, unzugängliches Gebirge durchradelt, fast ohne Steigungsmeter.

Mein Tagesziel, im Ebrodelta am Meer einen Campingplatz zu erreichen, opfere ich gegen 19 Uhr der Gemütlichkeit und schlage mein Zelt in einem brachliegenden Grundstück in der Nähe des Ortes Jesús auf.

Ich bin trotz aller Reiseroutine etwas aufgekratzt und vermute, dass ich zu schnell bin. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg ans Nordkap letzten Sommer auch so eine Phase hatte, in der ich drängte und drängte und auf teufelkommraus vorankommen wollte, Strecke machen, Kilometer fressen, mich selbst unter Druck setzte. Und dabei das Gegenwärtige verkommen ließ.

Damals habe ich absichtlich einen Umweg gemacht, bin von Kalix weiter zur Ostsee gefahren, habe im vielleicht nördlichsten Ostseehafen Schwedens eine wunderbare Nacht neben dem Hafengebäude verbracht. Aber damals war doch alles anders, oder, ich hatte Zeit ohne Ende, oder? Hier sitzt mir der knappe Rückflugtermin im Nacken … halt, halt, halt, Herr Irgendlink, vergiss nicht, auch damals saß dir der knappe Rückflugtermin im Nacken, nichtwahr?

Das Verflixte an Terminen ist: wenn man sie erreichen will, denkt man, man habe zu wenig Zeit und wenn man zurückblickt auf einen erreichten Termin, dann hat man immer genug Zeit gehabt.

Alles ist im Kopf.

Schon bin ich heute Morgen auf gnadenlosem Südkurs. Vorbei an Tortosa über ruhige Landstraßen habe ich meinen Weg geplant bis zum Beginn eines weiteren mutmaßlichen Radwegs bei Ulldecona, nur etwa dreißig Kilometer bis dahin, und wenn ich es gut mache, kann ich heute schon in Castellon am Meer sein.

Ich trödele durch Jesús. Betrachte den riesigen Eukalyptus, der auf der Landkarte als Naturwunder ausgezeichnet ist. Er steht ganz in der Nähe der Kirche, vor dem Gemeinschaftsplatz, der an diesem Sonntag noch leer ist. Ein Motorradfahrer sitzt in einem Café, Sonntagsstille. Ich irre umher, radele weiter meinem Weg folgend, bis ich wieder auf die Via Verde Baix Ebre treffe und aus einem Impuls heraus ihr folge rüber auf die andere Ebroseite, ab vom Südkurs, vorbei an einem Flüchtlingsheim. Zig Menschen sitzen gestrandet am Radweg, tanken Sonne, verdrossene Gesichter, beraubt um jedwede Lebensperspektive. 

Perspektive, ist es nicht das, was uns Menschen antreibt, denke ich immer wieder. Nicht Geld und Besitz, sondern eine Aufgabe, die einen nährt. Für Essen und Unterkunft ist ja schnell gesorgt, aber das Wichtigste ist doch, dass man sich eine Zukunft zurechtdenken und einer erfüllenden Aufgabe nachgehen darf. Aber was hast du, wenn du ein Flüchtling bist? Versorgt wirst du ja halbwegs, aber es fehlt die Perspektive.

Was hab ich es doch so gut. Ich radele, schreibe darüber, halte alle zehn Kilometer an und mache ein Foto der Strecke. Eine ganz einfache, selbstgebastelte Perspektive, die mich antreibt, die mich nährt, schon bin ich über die nigelnagelneue Fahrradbrücke auf der nördlichen Ebroseite und beäuge die Schilder, ich kann mir diese Perspektive nur aufbauen, weil ich in einem friedlichen Land lebe, Deltebre steht auf einem der Schilder. Das ist Perspektive pur für den Reisekünstler. Ein Radwegschild, das über Wirtschaftswege entlang von Kanälen und durch Felder hindurch links, rechts, geradeaus, immer weiter leitet, so gelange ich schließlich an diesen Ort, an dem ich auf einer Parkbank diesen Artikel schreibe. 

Eine Eremitage nahe L’Aldea, ein Picknickplatz ist hier. Es gibt Wasser. Kaum Autos fahren vorbei. Ab und zu ein Fußgänger und man kann den Torre de L’Aldea besteigen, ein vielleicht zwanzig Meter hoher Steinturm. Einen wunderbaren Blick über das flache Schwemmland hat man von da oben.

Circulum Felicidia #Gibrantiago

Achtuhrperversrüh. Als ich diese seltsamen Maschinen, die wie ein Düsentriebwerk aussehen und hinter Schmalspurschleppern durch die Obstplantagen gezogen werden, um weitläufig Gift auf die Bäume zu sprühen zum erstenmal beschrieben habe und sie – wegen ihres Aussehens – mit Flugzeugdüsen verglich, konnte ich ja nicht ahnen, dass sie auch so klingen. Insbesondere, wenn sie direkt neben dem Europennerzelt eingesetzt werden. Was für ein Gejaule. Das Nachtlager ist eigentlich in allerbester Lage unweit des Dorfes Granja, dort wo der Rio Segre mit einem anderen Fluss zusammenkommt, in einem brachliegenden Grundstück mit jahrelang ungepflegten Obstbäumen. Auch ein Orangenbaum steht direkt neben dem Zelt. Das Gras ist nicht zu hoch und ganz wichtig: durch den wilden Bewuchs ist der Platz gut geschützt gegen Wind und Blicke. Nun heult die Giftdüse. Kann ich nicht eiiinmal einen Rundum-glücklich-Tag erleben?

Okay, wach war ich ohnehin, aber ich hätte gerne noch ein bisschen im Zelt gebummelt, geschrieben, Datensicherung, und ach, das Postkartenprojekt. Aber bei dem Lärm breche ich ungefrühstückt auf.

Und bin wieder einmal überrascht, wie plötzlich sich die Gegend ändert. Aus dem hässlichen Obst-Flachland um Lleida wächst ein gemütliches Flusstal. Die Straße ist kaum befahren. Der Teer ist glatt. Man kann nicht darauf setzen, dass geteerte Straßen in Spanien sich auch gut fahren. Manchmal hat man Huckelpisten unter den Reifen, da ist ein sandiger Waldweg um Klassen besser.

Nach einer knappen Stunde steuere ich auf Menquinenza zu, wo ich, das Wort Frühstück auf spanisch mantrisch vor mich hinmurmelnd, Desajuno, Desajuno, Desajuno, mir ein kleines Restaurant am Fluss, abseits der Straße vorstelle, in dem hoffentlich nicht der normalerweise übliche Fernseher läuft und ich gemütlich frühstücken kann. Tostados wären gut, viel Kaffee, vielleicht ein Ei. Nichtraucher.

Angler sitzen alle paar Meter am Fluss. Ein Wohnmobil mit Neunkircher Kennzeichen kommt mir entgegen. Da ein Campingplatz. Knittels. Klingt nicht gerade spanisch. Davor eine Tafel, auf der geschrieben steht Frühstück bis 10:30. Auf Deutsch. Gibt’s  doch garnicht. Ich betrete das Restaurant und die Besitzerin begrüßt mich mit akzentfreiem Guten Morgen. Sieht man mir das an? Auch die beiden Frühstücksgäste an einem der Tische sprechen deutsch. Heute ist erster April. Da stimmt doch was nicht. Wo ist die versteckte Kamera?

Ich frühstücke. Ausgiebig, wie man so schön sagt. Plötzlich, eine Touristengegend. Dies sei ein Anglerparadies, sagt die Besitzerin. Der Ebro staut sich bis hier herauf und einige Flüsse, die hier zusammenkommen bilden einen weitverzweigten, fischreichen See. Ihr Mann ist Angelguide. Sie sind vor vier Jahren hierher ausgewandert.

Nach einem kurzen Stück Nationalstraße, das kaum befahren ist und den üblichen breiten Seitenstreifen hat, kurbele ich über die A-1411 dreiundvierzig Kilometer weit bis nach Maella und von dort über die A-1412 weiter Richtung Süden, mit dem Ziel, meine zweite, in die Tour eingeplante Via Verde, den Bahntrassenradweg im Val Zafhan zu erreichen. Beide Straßen sind kaum befahren, genauso, wie es in meinem Rundumglücklichplan aussieht, und sie führen durch eine wunderbare Gegend, natürlich wild, durchzogen von Obstplantagen. Also nicht ganz so streng privatbesessen und vernagelt wie die intensiv verschandelte Gegend um Lleida. Zweimal stoppen in der unwegsamen Gegend Autos und die Fahrer fragen, ob es mir gut geht. Fotografisch und denkerisch habe ich einen guten Lauf, arbeite an zwei Projekten, für die ich Bildmaterial sammele. Zum einen ist ja stets mein künstlerisches Alter Ego, Heiko Moorlander, im Gepäck, der Mudartist, der Schlammwühler, der mit seiner Kunst, Spuren per Traktoren und LKWs in der Erde zu hinterlassen, Millionen scheffelt, der alles hat, was ich nicht habe. 

Außerdem gibt es jede Menge verrottete Schilder am Wegesrand. Damit könnte man ein tolles Schilderbuch machen. Ich fotografiere sie einfach mal.

Siebzehn Uhr erreiche ich Maella. Siebzehn Uhr ist eine wichtige Zeit in Spanien. Dann ist die Siesta vorbei und die Geschäfte machen auf. In einem Supermarkt, die hierzulande kleine, dunkle, verwinkelte Etwasse mitten in der Stadt sind, kaufe ich ein paar Lebensmittel, fasse am Brunnen auf dem Marktplatz Wasser und fahre weiter weiter weiter. Die Via Verde ist schon in greifbarer Nähe, ich fotografiere Kunststraßenkilometer 2360, da sticht mir dieses Pinienwäldchen links der Straße neben dem ausgetrockneten Flussbett ins Auge. Leise säuselt einen Kilometer entfernt die Nationalstraße, die ich für drei Kilometer benutzen muss, um zur Via Verde zu kommen.

Warum nicht hierbleiben? In meiner Rundumglücklich-Allmachtsphantasie kommt ja auch dieses Pinienwäldchen vor, duftend, schützend, weich, in dem das Zelt so wunderbar aufzubauen wäre …

Nun, da ich dies schreibe, frage ich mich, worin das Geheimnis liegt, dass mir immer wieder die Dinge so passieren, wie ich es gerade benötige. Habe ich einen scheinbar nicht reparierbaren Schaden am Radel, treffe ich auf den besten Fahrradmonteur zwischen Andorra und Lleida und der zaubert auch noch ein Ersatzteil aus dem Hut, auf das andere Radler wochenlang warten müssen. Droht das Gemüt an Widrigkeiten zu brechen und es sollte ein Rundumglücklichtag her, zieht der große Weltenmagier ein schneeweißes Rundumglücklichkaninchen aus dem Hut … was heißt eigentlich rundum glücklich auf spanisch?

Von Engeln und Wahrscheinlichkeiten #Gibrantiago

Was für eine schlimme Gegend. Seit zig Kilometern radele ich durch hügliges, monotones Flachland auf einer Straße mit meterbreitem Standstreifen, die mäßig bis erträglich befahren ist. Die Sonne kommt ab Balaguer, wo ich eine Mittagspause vor einer Neubauruine mache, langsam durch, es ist warm, die Welt ist eigentlich schön und ich dürfte mich über das bisschen Kargheit gar nicht beschweren. Hinter mir in der Ruine steht noch ein Kran, auf dessen Ausleger einige Storchennester sind. Die Tiere klappern und fliegen permanent ein und aus mit Nestmaterial im Schnabel oder Nahrung für die Jungen. Schnurgerade rauscht der Fluss durch die Stadt. Ich glaube, er heißt Segre.

Über die C 12 auf der rechten Flussseite radele ich weiter gen Lleida. Durch die recht große, aber irgendwie unheimlich stille Stadt hindurch und mit jeder Pedalumdrehung häufe ich mehr Trostlosgefühl in mir an. Eine Einsamkeit wie in den letzten Tagen habe ich selten gespürt. Diese Reise ist um einiges härter, als die Reise letzten Sommer ans Nordkap und ich frage mich, woran das liegt. Vielleicht weil immer irgendwas hakt. Schnee und Kälte vor vier Wochen in den Vogesen, Regen und Großstadtgetümmel um Lyon, der Tramuntanawind nördlich der Pyrenäen, die Passfahrten zwischen Olot und hier waren dagegen ein Vergnügen. Lieber Berge und Stille, als Flachland und Hektik.

Da kommt es gerade recht, dass Frau SoSo in der Homebase den Flieger gebucht hat. Am 20. April muss ich also in Jerez de la Frontera sein und fliege mit Umstieg in Madrid zurück nach Zürich.

Südlich von Lleida gibt es um das Städtchen Aitona wenigstens ein bisschen Abwechslung. Felsen wie aus einem Wildwestfilm, bröckelige rotbraune Konglomerate, hinter denen man sich den Grand Cañon zurechtdenken kann oder das Tal des Todes, aber links von mir dieses ewige Obstbäumchenland, künstliche Bewässerung, Menschen, die mit Schmalspurtraktoren und düsenantriebähnlichen Giftgebläsen hindurchfahren, erste Blüten in weiß und in rosa.

Dazu Gegenwind. Staubwolken. Dieselruß. Nein, das tut nicht gut und es wird äußerst schwer, einen Zeltplatz zu finden. Campings gibt es in dieser Gegend nicht. Auf jedem Gehöft bellt ein Hund und der strenge Gegenwind erfordert eine bestimmte windgeschützte Zeltplatzlage.

Kilometer um Kilometer kurbele ich so dahin in einer Art demütig lethargischen Stimmung, ab und an versuche ich abseits ein Plätzchen zu finden, hinter den Mauern einer Klosterruine zum Beispiel, werde aber sofort von wie-aus-dem-nichtsen Hunden auf die Straße zurückgebellt, überlege in einem frisch gegifteten Obsthain zu zelten, oder ein Herbergs- oder Hotelzimmer … da tut sich dieses verlassene Grundstück kurz vor dem Zusammenfluss von Segre mit einem anderen Fluss auf, puuh. Ideal windgeschützt. Unweit des Städtchens Granja.

Wenn ich an den Flug denke, denke ich automatisch auch an Wahrscheinlichkeiten. Wie groß etwa die Wahrscheinlichkeit ist, abzustürzen. Ich hasse Fliegen. Eingedost mit hundertfünfzig Menschen, beschleunigt auf tausend Kilometer pro Stunde eine Strecke, die man wochenlang per Fahrrad erobert hat einfach so zurückzuspulen, wie Zeitraffer.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit von einem LKW überfahren zu werden? Im Straßengraben sieht man immer wieder Plastikflaschen mit gelber Flüssigkeit. Das ist Urin. Die pinkeln da rein. Während der Fahrt. Die essen am Steuer, sie telefonieren, lesen Zeitung, stemmen die Füße aufs Armaturenbrett und was man noch für Horrorzeugs von gelangweilten Fahrsklaven hört, die immer unter Zeitdruck unsere Waren durch den Kontinent karren.

Ich darf mich nicht beschweren. Bisher gab es keine kritische Situation und die meisten Auto- oder LKW-Fahrer nutzen, im Gegensatz zu denen bei uns daheim, die ganze Straßenbreite, um einen Radler zu überholen. Auch wenn er auf dem Seitenstreifen fährt.

Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, in dieser flachen windumtosten, behundeten, privtabesessenen Gegend einen windgeschützten Wildzeltplatz zu finden?

Aber was rede ich? Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein, wenn wir schon bei Wahrscheinlichkeiten sind. Eigentlich müsste ich jetzt in Oliana auf dem Campingplatz die Zeit totschlagen und abwarten, bis mein Ersatz für das gebrochene Schaltauge per Express aus Deutschland geliefert wird. Denn die Wahrscheinlichkeit, in Oliana oder in der Umgebung eins zu kaufen, das genau passt, war wohl kleiner, als die, im Lotto zu gewinnen. 2500 verschiedene Schaltaugen gibt es. Winzige Alustückchen mit Löchern drin, die am Fahrradrahmen festgeschraubt werden und als Sollbruchstelle fungieren, falls die Schaltung sich mal verhakt, so wie bei mir. Dann ist wenigstens nicht der ganze Rahmen im Arsch, haben sich kluge Ingenieure wohl gedacht.

Vorgestern fabulierte ich also erst einmal darüber, wie schlimm die Situation ist und hatte mich schon mit einer Woche Zwangsferien in Oliana abgefunden. Ich wollte zur Autowerkstatt, die man mir empfohlen hatte, und mir das Ersatzteil an die dortige Adresse bestellen, falls sie das kaputte Teil nicht schweißen oder durch ein selbstgeschnittenes und gebohrtes ersetzen können. Den Weg zur Werkstatt hatte man mir abends schon erklärt, dennoch verirrte ich mich und fragte einen Mann, der gerade in sein Auto stieg, wie ich zum Mechanico komme. Komm‘ mit sagte er (auf spanisch, wie in Piggeldy und Frederick), stieg in sein Auto, fuhr vor mir her, stoppte nach ein paar Ecken, klingelte an einem Wohnhaus. Es dauerte eine Weile. Die Balkontür ging auf. Ein verschlafener Mann stand da. Mein Frederick erklärte ihm die Sachlage. Er nickte, un Momento. Plötzlich, eine Tür geht auf. Plötzlich, gerade groß genug, dass man das Fahrrad samt Gepäck reinschieben konnte, nur zu, nur zu, bring doch die Sachen erstmal rein, was ist das Problem, Hand am Kinn, Haare raufen, muy Problemo, muss ich nach Andorra fahren, das Ersatzteil holen, oder, ja klar, kannst du das an unsere Adesse schicken lassen, dich auf dem Camping einquartieren, immerhin ein Lichtschimmer.

Aber der Mann hatte noch immer Denkfalten auf der Stirn, tänzelte ums Rad, wuselte in der winzigen, etwa garagengroßen Werkstatt, durchwühlte Kisten, findet ein Schaltauge, passt nicht, murmelte wieder Andorra, muy Problemo, wühlte weiter, drückte mir einen Fahrradrahmen in die Hand, der kürzlich kaputt ging. Neunhundert Gramm wiegt das Ding, was sagste nun, beäugte ein in Reparatur befindliches Fahrrad, das auf den Montagebock geklemmt war, schraubte die Schaltung ab, schraubte auch das Schaltauge ab, legte mein gebrochenes Schaltauge auf das andere, passt.

Ein Wunder. Ich könnte heulen vor Glück.

Die Reparatur mit Reinigung von Zahnkränzen und Schaltung, Luft auf die Reifen, ach, und bei der Gelegenheit auch noch die marode Tretkurbel festziehen, dauerte insgesamt drei Stunden. Jordi, so heißt mein Fahrradengel, redete die ganze Zeit rege auf mich ein, Tranquillo, tranquillo, immer wieder und ich assistierte, wunderte mich, dass ich zwar weder spanisch noch katalanisch spreche, aber doch durch meine romanische Grundbildung, das bisschen Französisch und Latein,  einiges verstehe, wenn ich nur genau zuhöre.

Am Ende stehen 64 Euro auf der Rechnung und auf diese kurze, gemeinsame Reparturaktion hin eine seltsame Art neue Freundschaft, denn irgendwie sind wir uns, fremd wie wir waren, Jordi und ich, verdammt nahe gekommen, so im Vorbeigehen zwischen einem Problem und dessen Lösung.

Ein Engel bitte, geschüttelt oder gerührt. Egal. #Gibrantiago

Morgenkühle Betonbank, Sonne kämpft sich langsam durch. Vor mir rauscht der Fluss, querab im Süden tutet etwas langanhaltend wie eine Bahn vielleicht, das Geräusch mischt sich mit Wind und Straße und ein Kuckuck, kann das sein? Die Klapperstörche hinter mir im Baukran sind jedenfalls keine Einbildung. Vier, fünf Nester garnieren das alte, stählerne Fachwerk und unter dem Kran ruht bis auf alle Ewigkeit eine Bauruine, wie sie für Spanien so typisch sind, sagte man mir. Überbleibsel der Immobilienblase, die einst platzte. Als habe man alles stehen und liegen lassen, findet man diese Gerippe aus Beton und halb ausgemauerten Wänden, manchmal auch nur Treppenhäuser mit Flachdach und Säulen in fast jeder Stadt. In den Dörfern, die meist auf einem Hügel liegen, sind fast alle neueren Gebäude, also die hässlichen, in denen sowieso nie gutes Leben hätte stattfinden können, finde ich, ‚En Venda‘, zu verkaufen.

Balaguer liegt an einem Fluss. Der rauscht wohl Richtung Lleida, noch etwa 25 Kilometer entfernt. Es gibt ein Theater in der Stadt und jenseits meines Schreibplatzes zieht sich eine Reihe Wohnblocks dahin, sechsstöckige Etwasse mit Autogaragen untendrunter.

Die letzten Tage waren ein bisschen streng. Zunächst die Pyrenäensüdquerung, die aus drei Pässen über 1000 Meter, der höchste gar fast 1500 Meter hoch, bestand, etwa zweihundert Kilometer von Olot über Ripoll, Berga bis zu dem kleinen Dorf Cambrils, von wo mich eine ‚Carretera Muntanya‘, eine Gebirgsstraße über einen unerwarteten vierten etwa 1200 Meter hohen Passe endlich in flachere Gefilde entließ.

Obschon flach, das gibt es vielleicht gar nicht in Spanien. Ich habe einmal gehört, es sei das europäische Land mit den meisten Bergen über 2000 Metern Höhe. Weiß nicht, ob das stimmt. Dennoch, ab einem Weiler namens Bassella, der eigentlich nur aus einer Tankstelle und einem Verkehrsmuseum und einem riesigen Parkplatz besteht, ist man raus aus den Bergen.

Als wolle das Schicksal mit mir Pingpong spielen, beschert es mir mit Erreichen der flacheren Gefilde eine erste massive Panne. Das hintere Schaltwerk verhakte sich in den Speichen und ich kann von Glück reden, dass ich es rechtzeitig gemerkt habe, zwei Tage ist das jetzt her. Ein Herz-Hosentaschengefühl, denn als ich den Schaltkäfig geradebiegen will, reißt das Schaltauge, also die Befestigung am Rahmen ab. Das Radel ist mit einem Schlag unfahrbar, da die Schaltung ja auch als Kettenspanner fungiert. Lose hängt das Ding unter den Packtaschen neben dem Hinterrad.

Schnitt.

Es passierte im letzten Drittel des fast sieben Kilometer langen Nordkap-Tunnels. Acht neun Prozent steil fällt die Verbindung zwischen Festland und Nordkapinsel zunächst etwa dreieinhalb Kilometer weit und über 200 Meter tief unter das Meer, um sodann ebenso steil und ebenso lang wieder nach oben zu führen. Man kann den Tunnel eigentlich prima radeln. Es herrscht nicht so viel Verkehr außerhalb der Hauptsaison. Abwärts ist man sowieso fast so schnell, wie Autos und aufwärts kann man auf einem etwa achtzig Zentimeter breiten Gehweg entlang der glitschigen Felswand nach oben schieben oder kurbeln. Alle zwanzig Meter ist die Distanz, die man schon zurückgelegt hat an die Wand gemalt. Der Tunnel ist beleuchtet. Die Luft okay, es gibt eine Notrufsäule und eine Nothaltebucht ganz unten. Er war also bester Dinge, als er mit seinem Rennrad und dem Anhänger hinaufkurbelte und das Nordkap in greifbarer Nähe wähnte. Plötzlich trat er ins Leere. Die Kette klatschte auf den Teer und er konnte von Glück reden, dass er sich bei dem ersten ruckartigen Leertritt nicht den Fuß verstaucht hatte. Etwa einen Kilometer noch bis hinauf ans Ende der Röhre, sagten die Zahlen an der Tunnelwand. Er schob und schob und in seinem Kopf machte sich ein gewisser Frust breit, denn bis Honningsvåg, der Stadt, in der es hoffentlich einen Radladen hätte, waren es noch gut zwanzig Kilometer, über Brücken, einen weiteren Tunnel, im Wind und Regen. Es würde fünf, sechs Stunden dauern. Oben angekommen beäugte er den Schaden und als er aufblickte, stoppte ein Norweger sein Auto, mitsamt dem Anhänger voller Kajaks, bot ihm Hilfe, die weit über das normale Maß an Hilfsbereitschaft hinaus ging, denn er lud die Kajaks bei einem Freund in der Nähe ab, kehrte zurück, packte das Gespann auf den Anhänger und chauffierte ihn bis nach Honningsvåg. Honningsvåg ist nach 17 Uhr eine trostlose Stadt. Still liegt der Hafen. Alle Geschäfte haben geschlossen, bis auf den großen Supermarkt am Stadtrand, in dem er aber keine Hilfe für sein Fahrrad erhalten würde. Bis zum nächsten Campingplatz würde er weitere sieben Kilometer schieben müssen, einsam irrte er durch den Hafen und hatte die Hoffnung, dass ihm jemand helfen könnte längst aufgegeben, bis er mich traf.

Als Radler habe ich einen Blick für in der Patsche sitzende Menschen. Es kommt ja hin und wieder vor, dass man selbst in der Patsche sitzt und daher weiß man, wie jemand aussieht, der in der Patsche sitzt, ach was, man weiß ganz genau, wie sich in der Patsche sitzen anfühlt. Nämlich beschissen.

Deshalb drehte ich noch einmal um, als ich den Jungen fahrradschiebend in einer Seitengasse sah, fragte, ob alles okay ist. Nichts war okay. Er suche einen Fahrradladen, sagte er. Es ist alles zu hier, habs selbst gesehen, war ja eben kreuz und quer hier unterwegs zwecks Sightseeinig. Vor der Touristinformation, wo die Tunichtgute der Stadt im offenen WLAN surften, schaute ich mir sein Problem näher an und zauberte den Kettentrenner aus meiner Packtasche, den ich über 4000 Kilometer von Deutschland ans Nordkap und bis hierher geschleppt hatte, ohne ihn selbst zu brauchen. Schnell war die Kette um zwei marode Glieder gekürzt und neu zusammengenietet. Der Junge – nun da ich dies schreibe, hier in Ballaguer, fällt mir sein Name nicht mehr ein – war der glücklichste Mensch der Welt und ich sozusagen so eine Art Engel.

Schnitt.

Ich wusste, dass das Problem mit der abgerissenen Schaltung massiv ist und nach einigem hin- und hertwittern mit @RecumbentTravel, sank jede Hoffnung, in kurzer Zeit das Problem zu lösen, denn die Diagnose ‚kaputtes Schaltauge‘ (das ist ein winziges Teil aus Aluminium) ist eine der härtesten, die es gibt auf Radreisen. Profireisende nehmen deshalb immer ein Ersatzschaltauge mit, habe ich mir sagen lassen. Es gibt über 2500 verschiedene Schaltaugen (there are Nine Million Schaltauge in Bejing, dudelte mir höhnisch ein Lied).

Es ist unwahrscheinlich, solch ein Spezialteil hier in der Gegend zu kriegen. Immerhin gelang es mir, durch Kettenkürzen – ja, der Kettentrenner leistet noch immer gute Dienst – das Fahrrad in ein Eingangrad zu verwandeln, so dass ich auf ebener Strecke ohne Gegenwind gut radeln könnte.

In der Tankstelle in Bassella half mir die Tankwartin weiter mit dem Tipp, ins sieben Kilometer entfernte Oliana zu radeln, dort gebe es eine Autowerkstatt, vielleicht könnten die helfen.

Also schuftete ich mich gegen Einbruch der Dunkelheit nach Oliana, wo ich am Fluss das Zelt aufbaute. Ein wunderbarer Lagerplatz und ich schlief gut, aber als ich mitten in der Nacht erwachte, kam mir die Misere in den Sinn. Wie schön es doch wäre, wenn ich am Morgen einfach weiterradeln könnte. Hätte, hätte Fahrradkette, und so recherchierte ich noch in der Nacht das Grauen: Forenberichte, in denen von mehrwöchigen Wartezeiten die Rede war.

Einzige Möglichkeit schien mir, das Teil im Internet zu bestellen (in der Hoffnung, dass mein Schaltaugentyp auf Lager ist) und mich auf eine Woche Wartezeit einzustellen, eine Adresse in Oliana müsste ich angeben, und dann das Glück haben, dass der Einbau noch klappt. Hier in einen Radladen zu spazieren und einfach so das richtige Schaltauge zu kaufen, war utopisch.

Die nächsten Städte, in denen es überhaupt Fahrradhändler gibt, Andorra la Vella und Lleida, sind jedenfalls unerreichbar weit.

Ein Engel muss her, dachte ich, als ich nach der Recherche gegen vier Uhr nachts ein zweites Mal einschlief.

Hund, Techno oder Paradies? #Gibrantiago

Jetzt bloß keinen Kreuzschlitzschraubendreher brauchen. Und auch keinen Schlitzschrauber. Schaltungeinstellen kann ich wohl knicken, denn genau dafür bräuchte ich den Bit, der am Pass de Canes liegt. 1120 Meter hohes Ding. Wetterscheide. Prüfstein, Beinahekollaps der Schaltung. Eines der beiden kleinen Zahnräder des hinteren Schaltwerks hatte sich von seinem Lager gelöst und steckte quer, scheinbar unreparierbar. Das Radel wäre wegen so eines winzigen Defekts nur noch als Schieberad zu benutzen (was auch okay gewesen wäre, da man die knapp 15 Kilometer von Olot hinauf zum Pass sowieso nur mit fünf bis zehn Kilometern pro Stunde vorankommt). Der Nieselregen, der mich ortsausgangs Olot begleitete, hatte zum Glück nachgelassen und ich war guter Dinge, diesen ersten von drei oder vier Pässen bis hinüber ins Hinterland um Lleida schmerzlos erklimmen zu können. Bewusst habe ich nicht erforscht, wie hoch der Pass ist. Die Kenntnis von der Schwere des Hindernisses, das es zu bewältigen gilt, egal, ob dies nun ein Berg ist, oder irgendein anderes Hindernis, kann sich unter Umständen als Gegenkraft manifestieren und einem den Weg, den man ohnehin zurücklegen muss, zur Hölle machen. Fidele Passfahrerei ohne Vorankommenswunsch sozusagen.

Ich musste die Schaltung zerlegen, mitten auf der Straße, was gefahrlos möglich war, denn niemand, absolut niemand, benutzt offenbar die Straße. Über Minuten, zig Minuten kurbelte ich alleine auf der N-260a. Sie ist wohl die alte Straße, die nun fast stillgelegt ist. Zudem Ostersonntag. Irgendwo parallel gibt es eine neue, vermutlich mit Tunnel.

Schwarze Hände bis fast zum Ellbogen, als hätte ich einer öligen, mechanischen Kuh bei einer Steißgeburt geholfen. Nimmerabgehendes Fett. Beide Rädchen ausgebaut, hämmere ich das kaputte mit dem Schweizermesser wieder auf sein Edelstahllager und vertausche die beiden Räder.

Ab da lief es dann wieder, bis ich unten in Ripoll noch ein paar andere Schrauben nachziehe und dabei bemerke, dass ich den Bit habe liegen lassen.

Kaufe Brot und ein Stück Pizza in einer ostersonntagsoffenen Bäckerei, beobachte den stoßweisen Verkehr in der Hauptstraße, esse Banane, beobachte zwei Jungs, die an der Hauptverkehrsstraße Fußball spielen auf einem länglichen Fußballfeld namens Gehweg, weine dem Bit nach, überlege, wofür ich das Werkzeug im Notfall brauchen würde, komme zu dem Schluss, dass es verschmerzbar ist, schwöre mir, auf einer Parkbank in der Sonne direkt neben der Hauptstraße, direkt neben dem länglichen Fußballfeld sitzend, endlich einmal alle Schrauben am Radel nachzuziehen. Das Gerüttel im eigenen Kopf, löst das Schrauben? Weiß man da schon was drüber?

Raus aus Ripoll bei einem zentralen Kreisverkehr, der die alte N-260a mit der N-260 vereint, regeln zwei blutjunge Polizisten den Verkehr, jeder mit einer Trillerpfeife bewaffnet, und ich werde Zeuge eines eigenartigen Konzerts. Jetzt Komponist sein, jetzt die Situation beim Schopfe packen, jetzt dieses stoßweise Trillern mitschneiden, ihm den letzten Schliff geben, ein Meisterwerk schaffen mit dem Arbeitstitel Almabtrieb. Das wärs. Das würde das längste Konzert der Welt in Halberstadt alt aussehen lassen. Philip Glass könnte einpacken. Ha. Konzertale Allmachtsphantasien. Ich könnte stundenlang in diesem Kreisverkehr stehen und den Beiden zuschauen. Neben mir brummen die Diesel und von rechts pumpt es eine nichtendenwollende Autoschlange aus den Bergen. Mit Skiern auf dem Dach, mit Anhängern hintendran, auf denen solch schmutzige Motocrossmaschinen stehen und Kleinwagen und Lieferwagen voller Großfamilien und die beiden Verkehrspolizisten rudern mit den Armen und wechseln, als stünde da irgendwo ein unsichtbarer Dirigent, virtuos den Trillerrhythmus.

Ein, zwei Kilometer auf den beiden (vereinten) N-260s und schon bin ich wieder raus aus dem Getümmel, kurbele meine So-sollte-es-sein-Straße hinauf Richtung Berga, auf der wieder kaum Verkehr herrscht, und wenn, dann langsam, vorsichtig, rücksichtsvoll.

Wieder ein Pass von unklarer Höhe. Als ich bei Matamala, dem vermutlich oder hoffentlich höchsten Punkt, das GPS einschalte, zeigt es mir 974 Meter an. Und abwärts. Ziel ist Borredà, wo sich der Kreis zu meiner Reise 2010, einer meiner gescheiterten Gibraltarexpeditionen, endlich schließen soll. Aber so weit komme ich gar nicht. Ein Campingplatzschild lockt mich etwa fünf Kilometer vorher weg von der Straße. Und da ich müde bin und im ganzen Tal wegen Naturschutzes das Wildzelten verboten ist, biege ich ab und lande … naja, auf einem suboptimalen Platz voller Leben und Hunde, die mich und das Radel sofort bebellen, umringen, belechzen, einer will sogar am Radel hochklettern, aber die Leute sind so freundlich und so lasse ich mich ein unter dem Motto ‚wild geht nicht, Leute nett, buche es als Erfahrung‘, checke ein beim stoischen Besitzer, der meine Personalien in den Computer hackt, mir einen Cortado (winziger, kurzer Kaffee) bereitet und schon palavere ich am Tresen mit zwei Typen, die mir Spanien erklären, eine Karte malen, etwas von der Vuelta erzählen und ich soll doch die Küste runter radeln, durch Barcelona, schwer, ihnen klarzumachen, dass ich Ruhe brauche und das Durchradeln von Großstädten für mich Horror ist (da war diese Barcelonadurchquerung 1992, als wir auf einer fünfspurigen Autobahn auf dem Seitenstreifen nach Süden rausradelten, nein, nicht nur wir, auch etliche barcelonische Freizeitradler).

Der Camping ist zweigeteilt. Auf dem oberen, ziemlich belegten Platz herrscht reger Betrieb. Es gibt nur zwei Zeltplatzmöglichkeiten. Entweder neben dem Waschhaus, direkt unter einer Hütte, aus der Technomusik dröhnt, oder beim Spielplatz vor der Rezeption, in der es heiß hergeht und vor der die Hunde herumstreunen.

Hund oder Techno?

Der untere Platzteil scheint geschlossen. Schon will ich vorm Technohaus die Heringe in den Boden treiben, da sehe ich, dass sich unten, im Paradies beim Bach, doch etwas tut. Also nix wie hin.

Puh. Das ging gerade nochmal gut.

Das Zelt steht nun abseits des Getümmels und ich habe eine neue Faustformel für mich gefunden, die da lautet: soweit weg wie möglich von den Menschen (und ihren Hunden).